Vienna Food Innovation: Impulse, die durch den Magen gehen

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Orlando Gruber

Wien positioniert sich als Zentrum für Food Innovation. Was dahintersteckt, warum das Thema an Bedeutung gewinnt und wie die Wirtschaftsagentur Wien dazu beiträgt, erklärte Carina Trafoier, Projektleiterin für Food Innovation bei der Wirtschaftsagentur Wien, im Anschluss an das Auftakt-Event “Vienna Food Innovation: Breakfast Club”.

Gleich zu Beginn die Frage, die allen Teilnehmer:innen beim Auftakt-Event der Vienna Food Innovation auch gestellt wurde: Mit welcher Geschmacksrichtung identifizierst du dich und warum?
Mit Bitter. Für mich ist das die spannendste Geschmacksrichtung, weil sie eigentlich kein angenehmes Gefühl erzeugt. Aber wenn es gut gemacht ist, mag ich das sehr. Radicchio esse ich gerne, Rotwein enthält ja auch sehr viel Bitterstoffe, Kaffee genauso. Ich mag diese extremen Geschmäcker.

Beim Auftakt-Event drehte sich alles um das Thema Essen, genauer gesagt “Food Innovation”. Kannst du mir erklären, was genau das bedeutet?
In diesem neuen Schwerpunkt fassen wir alle Projekte und Ideen zusammen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Ernährung nachhaltiger, resilienter, regionaler und klimafreundlicher sein kann. Das kann alles sein, von alternativen Proteinen bis hin zu nachhaltigen Verpackungen, Ernährungsbildung, Nutzung von Nebenströmen und mehr.

“Ich denke, es ist an der Zeit, Abhängigkeiten zu reduzieren und der regionalen Versorgungssicherheit wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.”

Warum braucht es genau jetzt eine Initiative wie diese? Welche Probleme siehst du beim jetzigen Ernährungssystem, die mit der Initiative adressiert werden sollen?
Die zwei Hauptprobleme, die ich sehe, sind die Klimakrise und globale Abhängigkeiten von Lieferketten. Wir wissen, dass die Produktion unserer Nahrungsmittel für mindestens ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in 25 Jahren rund 10 Milliarden Leute auf der Welt haben, die ernährt werden müssen – was unter den jetzigen Bedingungen schwierig ist. Das heißt, man muss jetzt damit beginnen, zukunftsfitte Produkte und Systeme zu schaffen, um diese Problematiken zu adressieren und unsere Ernährung sicherzustellen.

Ich denke, es ist an der Zeit, Abhängigkeiten zu reduzieren und der regionalen Versorgungssicherheit wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Vorangegangen ist ja ein gemeinsames Projekt der Wirtschaftsagentur mit dem Climate Lab. Wie kam es überhaupt zu der Projektidee und wie hat das dann in diese Initiative gemündet?
Durch den Schwerpunkt auf Kreislaufwirtschaft hat die Wirtschaftsagentur Wien schon seit einigen Jahren im Bereich „Food Innovation“ Projekte und Unternehmen begleitet. Die vorhin beschriebenen Dringlichkeiten haben wir dadurch kennengelernt und aufgegriffen und uns in weiterer Folge mit dem Climate Lab darüber ausgetauscht. Beispielsweise über die Frage, was genau die Bedürfnisse und Kernthemen bei den Zielgruppen und Stakeholdern in Wien sind. Daraus ist dann dieser wichtige neue Schwerpunkt entstanden.

Welche Trends und Entwicklungen siehst du im Bereich nachhaltige Ernährung aktuell, die vielversprechend wirken?
Alternative Proteine, glaube ich, werden weiterhin viel Aufmerksamkeit bekommen. Man hat in den letzten Jahren gesehen, dass pflanzliche Alternativen und pflanzliche Proteine sehr geläufig werden. Die Leute „gewöhnen“ sich daran, dass diese Varianten im Supermarkt zu finden sind und „ganz normale“ Nahrungsmittel sind. Da gibt es noch viele Chancen – mit Tofu und Soja ist es da noch nicht auserzählt. Zum Beispiel wird viel mit und an Pilzen geforscht.

Nicht zu vergessen: Verpackung – das ist eine extrem große Problematik. Denn selbst wenn du dich gesund und pflanzenbasiert ernährst, produzierst du trotzdem Müll, auch Plastikmüll. Hier gibt es momentan viel Forschung, zum Beispiel bei algenbasierten Verpackungen.

Und was ich auch noch sehe: dass es mehr und mehr Alternativen zu Rohstoffen wie Kakao oder Kaffee gibt, welche sehr intensiv in der Bewirtschaftung sind und einen großen CO2-Fußabdruck mitbringen. Wir haben ja auch bei unserem Auftakt-Event das „NoSchoko-Stangerl“ von Ströck angeboten. Hier wird die „Schokolade“ aus Sonnenblumenkernen gemacht. Derzeit gibt es leider noch sehr viele Rohstoffe, die mit einem riesigen CO2-Fußabdruck bei uns verkauft werden – da braucht es noch viele innovative Lösungsansätze von Unternehmen und Forschenden.

Was macht Wien so vielversprechend im Vergleich zu anderen Städten?
Ein großer Vorteil ist, dass wir eine Millionenstadt sind, aber mit einer angenehmen Größe. Aus meiner Erfahrung wird man hier schnell fündig, wenn man auf der Suche nach wirtschaftlichen Partner:innen ist. Außerdem haben wir in Wien eine sehr hohe Lebensqualität, die Leute können sich ihr Leben gut leisten, haben Interesse an Kulinarik und Kultur.

Es gibt eine sehr hohe Dichte an Universitäten und Fachhochschulen, an Ausbildungsstätten. Dadurch gibt es viel Fachwissen, und mit den Unterstützungen, die wir in der Wirtschaftsagentur Wien anbieten, können Unternehmen an diesem Wissen teilhaben, es wirtschaftlich nutzen und verwenden. Wir unterstützen Unternehmer:innen auf ihrem Weg, bieten kostenlose Workshops und Coachings rund um Gründungen oder betriebswirtschaftliche Aspekte an und haben ein gutes Förderangebot für innovative Projekte.

Wien ist deshalb für viele Start-ups und junge Unternehmen ein Sprungbrett in den restlichen D/A/CH-Raum. Wenn man es in Wien einmal ausgetestet hat, ist es leichter, sein Geschäftsmodell dann auf andere Städte und andere Regionen auszuweiten.

Hast du konkrete Unternehmen, die du besonders gut findest oder die dir besonders im Kopf bleiben?
Ich finde es toll, dass wir in Wien am Karmelitermarkt jetzt eine Tofuproduktion haben – das Konzept wurde ja auch durch die Wirtschaftsagentur Wien gefördert und unterstützt. Die “Erste Wiener Tofumanufaktur” ist ein schönes Beispiel dafür, in wie vielen Bereichen wir im Food-Bereich eigentlich fragen können: Warum hat es so etwas bisher noch nicht gegeben? Warum wird dieses Lebensmittel nicht schon längst lokal produziert? Es ist ein gutes Vorbild für andere, die auch mit einer guten, einfachen und in Wien neuen Idee durchstarten wollen.

Das waren jetzt alles sehr positive Dinge, über die wir gesprochen haben. Wo siehst du aber momentan die größten Herausforderungen für einen echten Wandel?
Oft habe ich gehört, dass die Finanzierung ein sehr, sehr großes Thema ist. Durch die Wirtschaftskrisen ist in den letzten Jahren die Investitionsbereitschaft sehr zurückgegangen. Als Start-up ist es einfach sehr schwer, an Investments zu kommen.

Was auch eine große Herausforderung ist: Pilotanlagen, Testinfrastrukturen, Labors, wo man kleine Batches mal austesten kann, kleine Produktionen starten kann, bevor man dann in eine größere Produktion investiert – da scheint es ein Nadelöhr zu geben. Bis auf “Herd Open Kitchen”, die eine gewisse Infrastruktur abdecken, ist in Wien recht wenig vorhanden. Wir erheben in der Wirtschaftsagentur Wien gerade den Bedarf in diesem Bereich und analysieren, was es braucht und wie das aufgestellt werden könnte.

Und dann würde ich noch ergänzen: ein Konsument:innenverhalten, das doch noch recht konservativ ist, steht auch noch im Weg.

Wo siehst du das größte Potenzial für Veränderung? Bei den Konsumgewohnheiten oder muss man bei der Angebotsentwicklung herumfeilen?
Ich finde, es ist ein „und“. Man muss an beiden Enden ansetzen. Man muss hineingehen in das Konsumverhalten und mit verschiedensten Möglichkeiten aufzeigen, was eine pflanzenbasierte Ernährung zu bieten hat. Dass das kein Verzicht sein muss. Ich persönlich finde, dass es viele spannende Sachen neben dem „Stück Fleisch am Teller“ gibt. In diese Richtung entwickelt sich derzeit auch das Branding von pflanzenbasierten Proteinen, die nicht mehr nur „vegetarisch“, „vegan“, „tierlos“ am Etikett stehen haben. Mittlerweile preist man viel mehr die gesundheitlichen Vorteile und den Geschmack an. Das, glaube ich, trägt schon dazu bei, dass man sich an diese „Neuerungen“ als Konsument vielleicht auch mal eher heranwagt.

Auf der anderen Seite frage ich mich oft, warum gewisse Produkte immer noch mit Fleisch produziert werden. Warum dann nicht einfach schon Sojagranulat, oder ein anderes pflanzenbasiertes Produkt, dafür eingesetzt wird, das im Grunde eh nicht mehr unterschieden werden kann, möglicherweise besser schmeckt und ressourceneffizienter oder kostengünstiger eingesetzt werden kann. Dann haben wir in Österreich auch die Thematik Umsatzsteuer: dass manche pflanzlichen Produkte höher besteuert werden als Produkte tierischen Ursprungs.

Zurück zum Auftakt Event der “Vienna Food Innovation“. Da hat man sich hier zentral die Frage gestellt „Was sind die Zutaten einer lebhaften Food Innovation Community?“. Welche drei Zutaten würdest du in den Topf geben?
Peer Learning: Einen Willen, das Gelernte auch zu teilen mit anderen und von anderen zu lernen. Ich glaube, dass Konkurrenzdenken noch selten einer Innovationsgruppe geholfen hat. Da hilft vor allem ein Zusammenhalten und ein Zusammenarbeiten.

Dann glaube ich, dass es auch eine Unterstützung von Stakeholdern, von Multiplikator:innen braucht, um passende Infrastrukturen zu bieten. Hier denke ich in Richtung Förderungen und Inkubationsprogrammen wie jene der Wirtschaftsagentur Wien.

Und eine dritte Zutat: Experimentierfreudigkeit. Ein Low-Key-Etwas-Austesten und möglicherweise scheitert es dreimal und ich muss viel rumschrauben oder eine Idee komplett verwerfen. Beim vierten oder beim fünften Anlauf habe ich dann vielleicht das, woraus ein zukünftiges Geschäftsmodell entstehen kann.

Wird es auch weitere Events in diesem Format geben, wo man sich vor Ort trifft und vernetzen und austauschen kann?
Ja, auf jeden Fall, zumindest einmal im Quartal und in unterschiedlichen Formaten. Dieses persönliche Treffen und Zusammensetzen, das „Köpfe zusammenstecken“, das sind sehr wichtige Faktoren in dieser Community.

An wen würdest du einen Aufruf starten, um bei der ganzen Initiative oder auch bei diesen Events teilzunehmen?
An alle, die eine gute Idee haben oder die sagen, sie wollen in dem Bereich auch was weiterbringen. Wir laden alle ein, mitzumachen, von anderen zu lernen, sich Inspirationen einzuholen und dann selbst vielleicht etwas in die Umsetzung zu bringen. Also: der Aufruf ist uneingeschränkt.

Gehen wir gedanklich 20 Jahre in die Zukunft. In deiner persönlichen Idealvorstellung: Wo gehst du einkaufen und was liegt in deinem Einkaufskorb?
Ich werde weiterhin meine Samstagsmarkt-Runden machen, die mir sehr am Herzen liegen und finde hoffentlich dann im Supermarkt ein sehr breit aufgestelltes Sortiment an pflanzenbasierten Alternativen. Da soll dann auch eine Parität zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten herrschen. Und: ein Angebot, das viel regionaler und lokaler gestaltet ist.

Mehr Informationen zur Vienna Food Innovation findet man auf der Webseite.

Über Carina Trafoier
Mit einem Master-Abschluss in “Cultural & Creative Industries” am King’s College London, führte Carina Trafoiers Weg zur Wirtschaftsagentur Wien. Dort arbeitet sie als Projektmanagerin und Expertin für Food Innovation.

Links:
Zum Eventbericht Vienna Food Innovation: Breakfast Club
Vienna Food Innovation Kontakt
Herd Open Kitchen

Titelbild: Carina Trafoier, Sustainable Food Expertin der Wirtschaftsagentur Wien;
© Wirtschaftsagentur Wien/Karin Hackl

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