Elektroschrott als Schlüssel für Europas Versorgungssicherheit

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Orlando Gruber

Die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen wie Seltenerden wird sich bis 2030 vervielfachen. Derzeit ist die Versorgung aber alles andere als gesichert. Mit dem Critical Raw Materials Act möchte die EU unter anderem die Rückgewinnung aus elektronischen Altgeräten forcieren.

Die Energiepolitischen Pläne der EU sind ambitioniert: bis 2040 soll mehr als 90% der Stromproduktion erneuerbar erfolgen – bei gleichzeitig fortschreitender Elektrifizierung des Energiesystems. Dabei spielt der rasche Ausbau der heimischen Speicher-, Solar- und Windkraft eine zentrale Rolle. Für die Umsetzung dieses großen Vorhabens sind wertvolle Ressourcen wie zum Beispiel Kobalt und Lithium von größter Wichtigkeit. Sie gehören zu den von der EU benannten Strategic Raw Materials (SRM), welche im Vergleich zu den Critical Raw Materials (CRM) nicht nur von wirtschaftlich hoher Bedeutung sind. SRMs sind strategisch wichtig für die Schlüsseltechnologien der Zukunft. Eine moderne digitale Infrastruktur, E-Mobilität, Raumfahrt aber eben auch der Aufbau einer unabhängigen, europäischen Energieversorgung sind ohne diese Rohstoffe kaum machbar. Doch genau hier liegt ein strukturelles Problem. Die EU ist seit langem von internationalen Märkten abhängig. Aufgrund der geopolitischen Spannungen und der globalen Handelssituation wächst das Risiko von Engpässen – und damit auch das Risiko für die  europäische Wirtschaft insgesamt.

Schleppende Diversifizierung trotz globaler Krisen

Ein Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs bringt auf den Punkt, welche globalen Abhängigkeiten herrschen: 2010 kamen 90% aller weltweit gehandelten Seltenerdmetalle aus China. Ausfuhrbeschränkungen resultierten in Lieferengpässen und massiven Preisanstiegen. Genauso erschüttern geopolitische Krisen die Wirtschafts- und Transformationsfähigkeit der Europäischen Union. So brach die Einfuhr von CRMs und SRMs aus der Ukraine, die auch Teil der europäischen Ressourcenstrategie ist,  mit Beginn des russischen Angriffskrieges innerhalb von drei Jahren auf ein Sechstel ein. Trotz solcher Erfahrungen führt die EU bis heute  verschiedene strategische Ressourcen größtenteils aus einzelnen Drittstaaten ein. So etwa kommen 97% des Magnesiums (essentiell für die Wasserstoffelektrolyse) aus China und 99% des Bors (für Komponenten von Solarpaneelen) stammen aus der Türkei. Ressourcenautonomie sieht auch dem Europäischen Rechnungshof zufolge anders aus. Strategische Partnerschaften alleine werden der Europäischen Union keine verlässliche Rohstoffversorgung garantieren. Notwendig ist eine nachhaltige Bewirtschaftung auch bestehender Ressourcen.

Wortklauberei lähmt Potential bei E-Schrott

Ein Teil der Lösung könnte im EEE-Sektor (Electrical and Electronic Equipment) zu finden sein, wenn Abfallwirtschaft, Industriepolitik und Rohstoffsicherung zusammengedacht werden. Altgeräte enthalten schließlich eine Vielzahl von CRMs und SRMs. Diese sind zwar jeweils in kleinen Mengen verbaut. In der Gesamtmenge von mehreren hunderten Tonnen EEE-“Abfall” verbirgt sich aber ein bisher unzureichend genutztes Potenzial. Kreislaufwirtschaft könnte hier einen wichtigen Beitrag zur europäischen Rohstoffsicherung leisten.

Derzeit leidet der Sekundärrohstoffmarkt jedoch an strukturellen Defiziten. Rezyklatpreise schwanken stark mit den Preisen von Primärrohstoffen, Stoffströme sind oft schwer oder gar nicht rückverfolgbar und Primärrohstoffe werden weiterhin bevorzugt. In Österreich fehlt insbesondere eine stabile Abnehmerstruktur. Hinzu kommen Hemmnisse rechtlicher Natur: Technisch hochwertige, aufbereitete Materialien bleiben weiterhin als Abfall eingestuft – da die Rechtslage noch nicht auf diesen Fall ausgelegt ist  Dadurch unterliegen sie strengeren Transport- und Exportauflagen, was wiederum in höhere Kosten, eingeschränkte Verwertungswege und reduzierten europaweiten Handel resultiert.

Potential für Österreich 

In Österreich wurden laut einer Aussendung der Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle Austria GmbH 2024 knapp über die Hälfte aller Altgeräte gesammelt. Zwar lag man hierzulande damit deutlich über dem EU-Schnitt von 35%, die von der EU vorgegebene Sammelquote von 65% wurde aber dennoch verfehlt. Vor allem Kleingeräte und IT-Komponenten landen oftmals im Restmüll. Die Folge davon: Der Verlust wertvoller Ressourcen und Wertschöpfung, da einige Ressourcen nach der thermischen Verwertung technisch kaum oder zumindest nicht ökonomisch sinnvoll zurückgewonnen werden können..

Im Auftrag und gemeinsam mit dem BMLUK nahm das Climate Lab das Thema nun unter die Lupe. Es zeigt sich: Österreich ist auf einem guten Weg. Der Standort kann jetzt schon eine vergleichsweise hohe Recyclingkompetenz, funktionierende Kreislaufwirtschaftsnetzwerke und eine starke Forschungslandschaft vorweisen. Jedoch sollten für eine sichere Zukunft des Wirtschaftsstandorts neben Förderungen zur Steigerung der Sammelquoten auch klarere rechtliche Rahmenbedingungen eingeführt werden. Es braucht einen standardisierten Genehmigungsprozess, der den Übergang von Abfall zum Produkt rechtssicher und planbar macht. Denn Recycling ist in der Frage europäischer Ressourcen- und Industriepolitik ein strategisches Muss.

Links
– Climate Lab Bericht “Rückgewinnung kritischer Rohstoffe aus Elektro- und Elektronikschrott
Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs

 

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