Tourismus im Wandel – Wie reisen die Gäste der Zukunft an?

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Magdalena Frauenberger

Vionmo unterstützt Tourismusbetriebe, Regionen und Eventveranstalter dabei, klimafreundliche Mobilität durch datenbasierte Analysen umzusetzen. Wir haben mit Michael Jayasekara, Founder und Geschäftsführer von Vionmo gesprochen.

Aktuell wird der Zukunftsplan für den Tourismus in Österreich, der sogenannte „Plan T – Masterplan für Tourismus“*, evaluiert und aktualisiert. Inwieweit ist dieser für die Arbeit von Vionmo relevant?
Total relevant. Wir sind auch eingeladen worden, für die Folgestrategie „Vision T“ unseren Beitrag mit unserer Expertise zu leisten, vor allem zu den Themen Digitalisierung und Mobilität. Unser Beitrag hier war im Wesentlichen, zu sagen, dass Tourismus und Verkehr gemeinsam gedacht gehören. In der Europäischen Kommission gibt es derzeit einen Kommissar, der für Verkehr und für Tourismus zuständig ist, in Österreich sind diese Themen nicht zusammengeführt, sondern in unterschiedlichen Ressorts angesiedelt.

Gerade ist im Mobilitätssektor vieles im Umbruch. Auf der einen Seite besitzen im urbanen Raum immer weniger Menschen einen privaten PKW, auf der anderen Seite nehmen die Kapazitätsgrenzen auf den Straßen zu. Wie bleibt man als Tourismusunternehmer:in und Region da am Ball?
Es ist wichtig, Wissen aufzubauen und die Trends zu verstehen. Seit über eineinhalb Jahren halte ich immer wieder Reden, auch im Zuge von Generalversammlungen von Tourismusverbänden, und sage ihnen immer wieder: Autonomes Fahren ist nicht mehr so weit weg. Und ihr müsst euch dazu Gedanken machen: Wie kommen Gäste in Zukunft zu mir? 47 % der Haushalte in Wien haben kein Fahrzeug mehr. Die schneidet man vom Tourismus und von vielen Möglichkeiten ab. Deshalb braucht es alternative Konzepte.

“Der Hotelier, der nicht Teil dieser Grünen Anreise ist, der bekommt diese Gäste nicht.”

Wo setzt Vionmo hier an? Was macht ihr genau?
Wir starten mit einer Status-Quo-Analyse. Wir schauen uns das aktuelle Mobilitätsverhalten von Gästen an, die bereits gebucht haben. Das ist am Touchpoint der Buchungsbestätigung. Die Alternative, die zweite Variante, ist: Der Gast ist bereits in der Urlaubsdestination angekommen und gibt die Informationen zu Herkunft, Mobilität und demografischen Daten beim Check-in an. Diese Daten kommen in unser Tool, wir werten sie automatisch, just in time, aus. Das Ganze ist spielerisch aufgesetzt, sodass du auch Feedback bekommst: Wie viele Emissionen sind eigentlich durch meine Reise entstanden? Wie viele andere Gäste sind aus einer ähnlichen Region angereist und haben auch Emissionen verursacht? Welches Verkehrsmittel haben sie genutzt?

Was passiert nach der Dateneingabe?
Wir können dir dann beispielsweise sagen: Aus dem Bezirk Freistadt kommen dieses Wochenende 50 Personen. Möchtest du diese Zielgruppe informieren, dass sie Fahrgemeinschaften bilden können? Oder sogar einen Bus organisieren, dass sie direkt zu dir in die Tourismusregion kommen? Und da sehen wir den Impact: ein geplantes Verhalten zu verändern.

Auf eurer Website steht: “So machen Sie nachhaltige Mobilität zum Wettbewerbsvorteil Ihres Betriebs”. Worin besteht für mich, als Betrieb, der Wettbewerbsvorteil?
Wenn ich eine Zielgruppe, die gerade im Steigen ist, nicht anspreche, sondern ausgrenze, dann bin ich nicht zukunftsfähig. Ganz einfach. Es geht darum, dass ich jetzt schon beginne, mir einen Markt aufzubauen und Menschen anzusprechen, die heute kein Auto haben und zum Teil nicht einmal mehr einen Führerschein gemacht haben. Ich muss mir überlegen: Wie kommt mein Gast eigentlich zu mir? Denn ein Hotel ist in der Regel zu etwa 80 % mit Fremdkapital finanziert. Das heißt, die haben auch Schulden abzubezahlen und können nicht nur auf einen kleiner werdenden Markt bauen.

Aber lohnt sich das wirklich immer? Mal angenommen, ich führe ein Hotel, das etwas abgelegen am Land liegt, und bin der Überzeugung, eine klimafreundliche Anreise sei teuer und kompliziert. Was würdet ihr mir sagen?
Ich gebe dir ein Beispiel: Die Tourismusregion Wilder Kaiser hat ein starkes Einzugsgebiet aus Deutschland und verfolgt das Konzept der Grünen Anreise. Der Hotelier, der nicht Teil dieser Grünen Anreise ist, der bekommt diese Gäste nicht. Denn um Teil des Programms zu sein, musst du über die Plattform des Tourismusverbands Wilder Kaiser vermittelt werden können.

“Das ist der größte Hebel. Das ist der Elefant im Raum. Den will ich adressieren.”

Mit Tourismusverbänden habt ihr gleich mehrere Partnerschaften. Was hat es etwa mit dem Projekt “Deine Anreise zählt“ der Region Wagrain-Kleinarl auf sich?
Mit Wagrain-Kleinarl arbeiten wir seit bald zwei Jahren zusammen. Begonnen hat das Ganze im Zuge eines geförderten Projekts namens “Balanced Tourism” aus dem Wirtschaftsministerium. Dabei ging es konkret um die An- und Abreise der Gäste. Beispielsweise kommen in der dritten Februarwoche hauptsächlich dänische Gäste und Salzburger Gäste nach Wagrain-Kleinarl. Dänen haben einen verhältnismäßig viel höheren Anteil an E-Autos. Einige Betriebe haben auf Basis dieser Daten ihre E-Ladestellen dimensioniert. Wir haben auch Infrastruktur-Angebote und Inputs für die Gemeinde gegeben. Es geht wirklich um einen Mindset-Shift in der gesamten Region.

Gibt es ein weiteres Beispiel aus eurer Arbeit, das euch besonders berührt hat?
Ja, was mich aktuell total berührt, ist der Use Case, in dem wir drinnen sind, im Kunst- und Kulturbereich. Wir arbeiten mit einigen Museen zusammen und fokussieren uns in nächster Zeit auch stärker auf dieses Thema. Ein sehr großes Museum in Linz hat uns gesagt, dass sie eigentlich unter dem Aspekt Nachhaltigkeit mit uns begonnen haben zu arbeiten und sie nicht nur darüber jetzt mehr Bescheid wissen, sondern auch über ihre Gästestruktur allgemein. Für das gesamte Marketing-Team war das ein Wow-Effekt!

Wie kam es zur Idee, Vionmo zu gründen?
Die ehrliche Antwort ist: Ich habe ursprünglich in einem ganz anderen Feld begonnen. Ich habe mich auf das Thema Nachhaltigkeit in der Immobilienindustrie fokussiert und dabei bin ich über einen Umweg in den Tourismus gekommen. Bei der Bilanzierung der Emissionen im Tourismus für einzelne Hotels ist mir aufgefallen, dass der wesentlichste Bereich von den Hotels nicht abgedeckt werden will, nämlich die An- und Abreise der Gäste. Ich habe für mich gesagt: Das ist der größte Hebel. Das ist der Elefant im Raum. Den will ich adressieren.

Wie hat das Climate Lab und seine Community euch geholfen, Ideen oder Projekte umzusetzen?
Die Community total, mit der Energie, die hier auch ist. Wenn man mit offenen Augen und offenem Herzen unterwegs ist, merkt man schnell, dass andere einen unterstützen wollen und mitdenken. Das heißt, wir haben auch Kontakte hier bekommen und gelegt bekommen, das darf man gar nicht unterschätzen. Und ich würde mich freuen, wenn das Climate Lab und die gesamte Impact-Hub-Community, bei den Veranstaltungen, unser Tool verwendet. Und so die Awareness für alle Gäste, die kommen, mit uns gemeinsam erhöht, dass Mobilität im Alltag der erste Schritt ist, auch im Urlaub und bei Veranstaltungen, wirklich einen Impact leisten zu können.

Gibt es noch etwas, das ihr aktuell für eure Arbeit benötigt?
Von Unternehmen würde ich mir wünschen, dass ihnen nicht egal ist, wie Gäste zu ihnen kommen, egal ob Tages- oder Nächtigungs-Gäste. Von der Politik wünsche ich mir mehr Gleichklang im Denken zwischen Tourismus und Verkehr. Und von der Zivilgesellschaft eine Awareness über den eigenen Footprint im Alltag. Das passiert nicht von heute auf morgen, aber es ist ein Anfang, sich immer wieder zu fragen, wenn ich einen Weg von A nach B mache, wie ich den Weg plane.

“Ich glaube, wir werden an der Speerspitze stehen”

Was sind die konkreten nächsten Schritte von Vionmo? Woran arbeitet ihr aktuell?
Wir wollen stärker direkt im Habit-Breaking-Moment ansetzen und Verhaltensänderungen noch niederschwelliger ermöglichen. Also die Motivation erhöhen, das Verhalten zu ändern. Das ist das Element, an dem wir am stärksten arbeiten. Wir wollen auch die Gamifizierung vorantreiben und langfristig vielleicht an der Richtung arbeiten, ein digitaler Reisebegleiter zu werden.

Was genau meinst du mit Gamifizierung?
Damit meine ich, dass du gar nicht das Gefühl hast, Daten einzugeben, sondern den Mehrwert darin siehst. Und dass das so einfach funktioniert, dass nicht nur junge Menschen mit unserem Tool umgehen können, sondern auch Senioren. Wir arbeiten gerade auch stark am Thema Barrierefreiheit.

Wir nehmen an, es ist das Jahr 2030. Wie sieht die Mobilität im Tourismus aus?
Es wird die ersten Regionen geben, die sich mit dem Thema autonomem Fahren auseinandersetzen. Ganz massiv. Wir werden zurückgegangen sein zu Methoden, die wir hier in Österreich aus den 70er- und 80er-Jahren kennen: Busse, ähnlich wie Bäderbusse, die längere Distanzen fahren und Familien gemeinsam transportieren. Im Wintertourismus wird es einen Shift gegeben haben: Österreicherinnen und Österreicher werden weniger eigenes Equipment besitzen, wodurch der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel leichter wird. Wir begleiten auch das Guest Mobility Ticket in Salzburg. Da zahlst du als Nächtigungs-Gast aktuell 50 Cent auf die Ortstaxe und kannst alle öffentlichen Verkehrsmittel im gesamten Bundesland kostenlos nutzen. Ich glaube daran, dass wir bis 2030 mindestens vier weitere Bundesländer haben, die so ein Konzept haben.

Und wie möchte Vionmo zu dieser Zukunftsvision beitragen? Wo seht ihr euch in Zukunft?
Ich glaube, wir werden an der Speerspitze stehen, wenn es darum geht, Praxiswissen in den regulatorischen Raum zu übersetzen, also auch in Richtung Politik. Wir werden sagen können, welche Maßnahmen notwendig sind, weil wir diese Daten auch bereitstellen werden. Und zweitens möchten wir der Go-to-Partner werden, wenn es darum geht, An- und Abreise im Tourismus und in der Freizeitwirtschaft zu erleichtern. Unser Ziel ist, dass nachhaltige Anreise nicht als Herausforderung wahrgenommen wird, sondern als logische Wahl. Dafür wollen wir Lösungen anbieten.

Michael Jayasekara ist Founder und Geschäftsführer von Vionmo. Er liebt die Herausforderung und treibt Veränderungen mit Weitblick in Tourismus- und Freizeitwirtschaft.

*Der Plan T – Masterplan für den Tourismus wurde 2019 in einem breiten Beteiligungsprozess erarbeitet. Er soll die Grundlage für die Tourismuspolitik der österreichischen Bundesregierung in den nächsten Jahren sein. Ein Ziel ist es dabei, Strukturen für eine nachhaltige Mobilität zu schaffen und Konnektivität zu verbessern.

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