Institutionelles Kapital für die Wirtschaftswende

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Martina Scheuch

Alle wollen sie, aber kaum jemand zahlt – geht es um die Wirtschaftswende, wird schnell nach den Kosten gefragt. Dabei stehen die – potentiell lukrativen – Investitionen enormen Kosten gegenüber, die Nicht-Handeln mit sich bringen wird. Bei den Impact Days 2026 ging man daher der Frage auf den Grund, warum sich das institutionelle Kapital der Fonds, Banken und Versicherungen so schwer tut, seinen Weg in die nachhaltige Wirtschaftstransformation zu finden.

Unter Stuckdecken und Kronleuchtern ging es im Wiener Rathaus um eine Frage, die ein Game-Changer in der Wirtschaftswende sein könnte: Wie kann institutionelles Kapital – also Gelder der Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen – in die richtigen Bahnen gelenkt werden, und zwar strategisch statt punktuell? Es geht darum, in Österreich und darüber hinaus das volle Potential auszuschöpfen und soziale sowie ökologische Innovation voranzubringen.

Die simple Kosten-Nutzen-Rechnung

Wer dabei nach den Kosten fragt, darf die Alternative – die Kosten des Nicht-Handelns – nicht ignorieren. Diese lassen sich in Geld allein längst nicht bemessen. “Wir werden mit Leben, unserer Gesundheit, mit der Zukunft unserer Kinder bezahlen”, bringt es Katrin Harvey, Generalsekretärin der Stiftungsplattform F20, auf den Punkt. Sie ist Teil des Podiums, das sich im Rahmen der Impact Days 2026 die zunächst einfach klingende Frage stellt: Who Pays for System Change?

Laut Uli Grabenwarter, Deputy CIO des Europäischen Investitionsfonds, werden das wir alle sein. Offen ist nur die Frage, wie genau – ob über Steuern, Versicherungsprämien oder niedrigere Renditen – und wann es spürbar wird. Eine Wahl bleibt uns allerdings nicht, denn ein Systemwandel wird so oder so kommen. Laut dem Global Risks Report 2026 sind sieben der zehn größten langfristigen wirtschaftlichen Risiken im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich angesiedelt. Ist der Schaden erst da, ist es für Prävention zu spät.

Versicherungen wissen das am besten und reagieren früher als andere, wie Isabella Mammerler von der Zurich Versicherung betonte. Und die Versicherungslücke wächst: Was häufiger und heftiger passiert, wird irgendwann nicht mehr versicherbar sein. Dann zahlt die Allgemeinheit. Deutlich lukrativer ist es, heute in die geplante Wirtschaftswende zu investieren, neue Technologien voranzubringen und eine Wirtschaftsweise zu fördern, die resilient ist und langfristig trägt – sollte man meinen.

Wo bleiben die Investments?

Impact Investing heißt, Renditeziele (ROI – Return On Investment) und Wirkungsziele (SROI – Social Return on Investment) gleichrangig zu bewerten. In der Praxis wird aber zuerst nach Risiko und Rendite gefiltert, und erst aus dem verbleibenden Rest das Nachhaltigste ausgewählt. Dieser Mechanismus bremst die Wirksamkeit nachhaltiger Finanzierung: Seit 2015 ist das angestrebte Volumen von 30 Billionen US-Dollar für die UN-Nachhaltigkeitsziele ungefähr erreicht – und trotzdem ist man den Zielen heute ferner als damals, bei weniger verbleibender Zeit, rechnet Grabenwarter vor.

Eine Erklärung versucht Michaela Attermeyer, Vorständin der VBV-Vorsorgekasse. Die VBV hat eine Klimastrategie mit harten Zielen: Sie hat fossile Energien aus ihrem Portfolio ausgeschlossen und ist als erste österreichische Institution Mitglied der Finance for Biodiversity Foundation. Aber sie verwaltet fremdes Geld – nämlich das von mehr als drei Millionen Beschäftigten – und ist gesetzlich auf finanzielle Erträge verpflichtet. Ein Produkt, das nur Wirkung liefert, kommt daher nicht infrage. Eines, das erst nach fünf bis zehn Jahren in den Ertrag kommt, ebenso wenig.

Dazu kommen Regeln zu Fondsstrukturen, Mindestgrößen und Track Record, die den Fokus weg von sozial-ökologischen Gesichtspunkten lenken. Das ist keine Ausrede, sondern eine Beschreibung des Systems. Der Risiko- und Rendite-Filter mag aus Gründen der Treuepflicht legitim sein – er sortiert jedoch auch zuverlässig genau das aus, was am dringendsten finanziert werden müsste, wie es Grabenwarter auf den Punkt bringt.

Reputation als Investment-Faktor

Einen Raum weiter war man mit Staatssekretärin Elisabeth Zehetner um Lösungen bemüht. Sie führte aus, warum Österreich für Sozialunternehmen ein Label und keine eigene Rechtsform geschaffen hat: Eine Rechtsform schafft zwar Rechtssicherheit, prüft aber nicht jährlich nach, ob der gesellschaftliche Zweck noch verfolgt wird. Ein Label mit Rezertifizierung tut das. 79 Unternehmen tragen das Verified Social Enterprise Label inzwischen.

Einen wichtigen Hebel für die nächste Stufe sieht sie zudem in der innovativen öffentlichen Beschaffung, denn: Ein öffentlicher Auftrag bedeutet für Unternehmen auch Referenz und Reputation und zieht privates Kapital nach. Die Bedeutung der Beschaffung sieht auch Markus Sauerhammer – Berater für soziale Innovation – und benennt zugleich unmissverständlich das Problem: Beim Billigstbieterprinzip gewinnt, wer Kosten externalisiert. Das gilt auch für soziale Fragen. Wer etwa schwer vermittelbare Menschen anstellt und ihnen vergleichbare Gehälter zahlt, trägt Mehrkosten und übernimmt damit faktisch Staatsaufgaben. Honoriert wird das nach aktueller Gesetzeslage jedoch nicht.

Best Practice: Startkapital für Sozial-Investments

Gerade die Beschaffung erinnert auch daran: Es fehlt nicht am Geld, sondern an der richtigen Verteilung. Als Lösungsvorschlag wird eine neue Art von Finanzintermediär vorgeschlagen – Ein Beispiel dafür ist Better Society Capital. Philipp Essl erzählt die Geschichte, die in London beginnt: Gegründet wurde Better Society Capital mit dem Guthaben aus sogenannten nachrichtenlosen Konten – Konten also, zu denen es keine erreichbaren Eigentümer mehr gibt. 2012 hat der britische Staat rund 400 Millionen Pfund per Gesetz in diese Organisation umgeleitet, vier Großbanken legten 200 Millionen dazu. Zwei Jahre lang entwickelte Better Society Capital gemeinsam mit Fonds und Banken erst einmal die Produkte, in die sich investieren ließ.

Heute ist die Organisation so etwas wie Startkapitalgeber des britischen Marktes für Sozialinvestitionen. Die Organisation gibt das Geld bewusst nicht direkt an Sozialunternehmen, sondern an soziale Fonds und Banken. Der Auftrag lautet also nicht direkt sozial zu investieren, sondern einen Markt für solche Investitionen aufzubauen. Und das mit einer erfolgreichen Zwischenbilanz: So kommen auf jedes investierte Pfund im Schnitt rund vier weitere von privater Seite, erklärt Essl.

Der Staat ist gefragt

Stiftungen und andere private Akteur:innen können die Aufgabe der Finanzierung der Wirtschaftswende jedoch nicht allein bewältigen, wie Katrin Harvey betonte und damit eine klare Grenze zog. Sie sieht darin vielmehr eine „Akupunktur-Finanzierung“: präzise, klein, missionsgebunden. Stiftungen können Risiken tragen und Ökosysteme aufbauen, aber sie sind weder Airbag für private Renditen noch Ersatz für staatliche Aufgaben.

Diese staatlichen Aufgaben liegen vor allem darin, Rahmenbedingungen festzulegen. Regeln bedeuten Rechts- und Planungssicherheit, und unter sicheren Bedingungen wächst Investitionsbereitschaft, die in Zeiten multipler Krisen an die Stellen gelenkt werden muss, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Gefragt sind also Entscheidungsträger:innen, die Regeln so zu verändern, dass soziale und nachhaltige Kriterien beim Investieren eine größere Rolle spielen können, ohne unattraktive Investments zu generieren – und diese Regeln dabei bestenfalls so nachhaltig im bestehenden Rahmen zu verankern, dass sie nicht von der nächsten Regierung rückgebaut werden können.

Podium 1: Who Pays for System Change?

  • Michaela Attermeyer, Vorstandsmitglied VBV-Vorsorgekasse
  • Uli Grabenwarter, Deputy CIO and Director European Investment Fund
  • Katrin Harvey, Secretary General F20 Foundations Platform
  • Isabella Mammerler, Head of Risk Management Zurich Versicherung
  • Moderation: Angelika Delen, Mercer

Podium 2: Enabling Impact: Strengthening Frameworks for Social Innovation

  • Philipp Essl, Head of Impact Better Society Capital
  • Markus Sauerhammer, Berater für soziale Innovation
  • Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus
  • Moderation: Lena Gansterer, Social Entrepreneurship Network Austria

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