Über die Hälfte aller eingesetzten Ressourcen und erzeugten Abfälle in Österreich entfallen auf das Bauwesen – ein Sektor mit enormem ökologischen Fußabdruck und gleichzeitig großem Potenzial für Veränderung. Während Recycling oder Downcycling mittlerweile einen festen Platz in der Branche hat, steckt die Wiederverwendung von Bauteilen noch in den Kinderschuhen – obwohl sie in Sachen Ressourcenschonung dem Recycling weit überlegen ist. Rechtliche Unsicherheiten, fehlende Standards und ungeklärte Zuständigkeiten bremsen jedoch den Fortschritt.
Um diesen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen, lud das Climate Lab zentrale Akteur:innen entlang der gesamten Bauprozesskette zu einem Industry Circle. Ziel war es, Know-how zu vertiefen und praxisnahe Lösungsansätze zu diskutieren.
Re-Use im Bauwesen – rechtliche Grundlagen
David Suchanek, Experte für Baurecht bei NHP Rechtsanwälte, zeigt auf, dass die rechtliche Einordnung von Bauteilen als Abfall ein zentrales Hindernis für den wiederverwendungsorientierten Rückbau darstellt. Ab wann ein Bauteil als Abfall gilt, hängt vom subjektiven „Loswerden-Wollen“ ebenso ab wie von objektiven Gefahren für die öffentliche Sicherheit. Die rechtssichere Wiederverwendung erfordert klare Definitionen des „Abfallendes“ und angepasste Normen, wie sie etwa die neue EU-Bauprodukteverordnung 2024 vorsieht. Noch fehlen laut dem Experten jedoch einheitliche Regelungen und Haftungsfragen sind oft ungeklärt – was die Marktetablierung für Re-Use-Produkte hemmt. Um Re-Use zu fördern, braucht es harmonisierte Vorgaben, Rechtssicherheit und neue Vertragsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Gelungener zirkulärer Rückbau aus der Praxis
Kathrina Rieger von Concular zeigt mit einem konkreten Projekt, wie ein strukturierter, digital unterstützter Rückbau reale Kreisläufe schafft: Durch ein Pre-Deconstruction Audit, ein Take-back-System und den Verkauf über die Concular-Plattform konnten 70 % der Materialien wiederverwendet, 35 % CO₂ eingespart, 160.000 € Umsatz generiert und 600.000 € Rückbaukosten vermieden werden. Grundlage dafür ist die ÖNORM B3151, die Standards für zirkulären Rückbau setzt und Planbarkeit sowie Rechtssicherheit bietet. Entscheidend für die Skalierung: Digitalisierung, Infrastrukturaufbau und Standardisierung – ganz im Sinne von “Together, circular!”.
So gelingt Kreislaufwirtschaft im Innenausbau
Harald Mezler von Lindner zeigt mit LinLoop, wie ein geschlossener Materialkreislauf in der Praxis funktioniert: Durch Rücknahme und Wiederaufbereitung von Materialien wie Gipsplatten und Doppelböden konnten 100 Tonnen Material eingespart, 30 % CO₂ reduziert und 10 % Kosten gesenkt werden.
Die Strategie setzt auf Wiederverwendung statt Entsorgung – durch modulare, rückbaufähige Produkte und digitale Materialausweise, die Transparenz und Kreislauffähigkeit fördern. Neue Geschäftsmodelle wie Miete statt Besitz verlängern Produktnutzungen und reduzieren Ressourcenverbrauch. Die LinLoop-Pyramide verbindet Produkte, Prozesse und Daten zu einem skalierbaren Kreislaufsystem. So entsteht ein zukunftsfähiges Konzept ganz im Sinne von „Mehrweg statt Einweg“.
Kreislauffähige Sanierung mit System
Das Sanierungsprojekt von Nino Ivic & Margarete Berl von Scale / Sedlak Immobilien zeigt, wie zirkuläres Bauen bei Gründerzeithäusern gelingt: Durch sortenreine Bauweise, wiederverwendbare Bauteile, Verzicht auf Aufbeton sowie Vorfertigung im Werk wird der Bauprozess effizienter und ressourcenschonender. Die Trennung von Tragstruktur, Technik und Ausbau erhöht die Lebensdauer des Gebäudes und sorgt für maximale Anpassbarkeit. Kreislauffähigkeit wird hier nicht nur gedacht, sondern gebaut.
Das Event hat gezeigt: Die Zukunft des Bauens liegt im Kreislauf. Re-Use ist keine ferne Vision, sondern eine bereits gelebte Praxis – mit wirtschaftlichem, ökologischem und sozialem Mehrwert. Doch um von der Nische in die Breite zu kommen, braucht es mehr: rechtliche Klarheit, standardisierte Prozesse, digitale Tools, mutige Projekte und engagierte Allianzen. Wenn alle Akteur:innen an einem Strang ziehen, kann aus „Kreise statt Krise“ Realität werden – und das Bauwesen zum Vorreiter einer zukunftsfähigen Ressourcenkultur.
Autorin: Stephanie Bergwinkl
Bild: Markus Palzer-Khomenko