Neue Bausteine aus der alten Wand – kann das funktionieren?

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Markus Palzer-Khomenko

Recycling ist gut, Re-use ist besser. Bei tragenden Bauteilen steht die Branche aber noch am Anfang. Wir haben mit Maximilian Klammer gesprochen, der am Institute of Green Civil Engineering der Universität für Bodenkultur und im Rahmen von KRAISBAU daran forscht und arbeitet, die Bauteil-Wiederverwendung möglich zu machen.

Bauschutt lässt sich bereits heute fast vollständig wiederverwerten. Wieso beschäftigt sich dann KRAISBAU mit der Wiederverwendung tragender Bauteile?
Das liegt schlicht an der Ökobilanz. Studien haben gezeigt, dass man durch den Wiedereinsatz der Bauteile bis zu 75% mehr CO2 einsparen kann. Wenn man “nur” recycelt, sprich das Material beispielsweise in neuem Beton einsetzt, muss man das Material weiter transportieren und auch in der Verarbeitung mehr Energie aufwenden. Auch das Prozess-bedingte CO2 in der Betonherstellung spielt da eine große Rolle. Es geht dabei vor allem um das Vermeidungspotenzial, also das Vermeiden neuer Emissionen.

Gerade tragende Bauteile sind aber auch eine besondere Herausforderung. Wie kann das gelingen?
Da geht es um die Frage der 3 W’s: Was steht uns zur Verfügung, in welchem Zustand ist das Ganze und wie setzen wir es wieder ein.

“Uns geht’s wirklich um die konstruktiven, die schweren großen Teile”

Und was steht uns zur Verfügung?
Das ist eine wichtige Frage, auf die wir auch im Rahmen von KRAISBAU eine Antwort bekommen möchten. Unsere Partner von Fraunhofer Austria und der TU-Graz arbeiten an Materialstromanalysen. Da wird bisher nur in Kubaturen und Materialien gedacht. Wir wollen diese Ebene um Bauteilinformation erweitern. Sprich: In welchen Teilen steckt das Material?

Von welchen Bauteilen sprechen wir da?
Uns interessieren da jetzt nicht Einbauten wie Türen, Fenster oder Wandvertäfelungen. Uns geht’s wirklich um die konstruktiven, die schweren großen Teile. Dort ist nicht nur die meiste Masse, sondern auch die meiste graue Energie gebunden.

“Wenn ich also Bauteile von Vorarlberg nach Wien transportiere, spar ich immer noch Emission verglichen zum Betonrecycling.”

Wie kann man sich so eine Wiederverwendung etwa einer Betonwand vorstellen?
Es gibt mehrere Arten von Re-use. Im besten Fall passiert das direkt vor Ort. Das schränkt aber die Möglichkeit der Wiederverwendung ziemlich ein und zwingt die Planung dazu, mit den bestehenden Bauteilabmessungen zu planen. Das hemmt die Nachfrage.

Ein anderer Ansatz wäre, bestehende Betontragwerke in standardisierte Teile zu zerlegen und dann erneut zu verbauen. Die Teile sollten dabei so groß als möglich und so klein wie nötig sein. Die Standardisierung ist wichtig. Damit ein solcher Ansatz auch ökonomisch sinnvoll werden kann, muss man das industriell ausrollen können. Die Wiederverwendung braucht die gleiche Industrie wie der Neubau heute. Der Vorteil dabei wäre, dass man Bauteile machen könnte, die wieder universeller eingesetzt werden und dadurch eine viel größere Nachfrage erzeugen.

Also die alten Wände werden zerlegt und die Teile dann vor Ort gleich wieder neu verbaut?
Das muss nicht direkt vor Ort passieren. Dieser Anspruch, Bauteile gleich in der Nähe oder sogar auf derselben Baustelle wieder einzusetzen, macht das Projekt ja sehr unflexibel und kompliziert. Die Baubranche braucht standardisierte Teile und Mengen, damit das auch ökonomisch attraktiv werden kann.

Die gute Nachricht ist, dass man einen solchen Bauteil problemlos hunderte Kilometer weit transportieren kann, bevor die CO2 Bilanz sich an jene des Beton-Recyclings annähert. Wenn ich also Bauteile von Vorarlberg nach Wien transportiere, spar ich immer noch Emission verglichen zum Betonrecycling.

“Ich seh da eigentlich nicht die Bauherrschaft, sondern vielmehr die Industrie gefordert.”

Du hattest auch Ziegelwände angesprochen. Werden da dann auch Ziegelwand-Teile wiederverwendet oder wie könnte man sich das vorstellen?
Das Problem sind da meist nicht die Ziegel sondern der Mörtel. Will man aber einzelne Ziegel wieder einsetzen, macht das viel Arbeit, die natürlich auch Geld kostet. Ich sehe da eine mögliche Lösung in einer kleinteiligen Automatisierung.

Eines der drei W’s, die du anfangs erwähnt hast, war auch der Zustand der Bauteile. Der ist ja nicht unbedingt homogen. Wie kann man damit umgehen?
Wir sprechen da auch von der Restlebensdauer eines Bauteils, die aber schwer zu bestimmen ist und stark von der zukünftigen Nutzung des Bauteils abhängt. Wir können aber den Ist-Zustand erheben, sprich die Gebrauchstauglichkeit des Bauteils zum jetzigen Zeitpunkt. Konkret schauen wir uns die Tragfähigkeit und Widerstandsfähigkeit an. Dazu laufen auch bei KRAISBAU derzeit Untersuchungen.

Grundlagenforschung ist ja das eine, aber wie könnte man die Bauteilwiederverwertung in der Branche ausrollen?
Ich seh da eigentlich nicht die Bauherrschaft, sondern vielmehr die Industrie gefordert. Wenn ein Bauträger heute Repurpose-Bauteile einsetzen will, sind das im besten Fall zusätzliche Kosten, die dieser tragen muss. Das muss sich ändern und da braucht es attraktive Angebote von Seiten der Baustoffhersteller. Ziegelhersteller könnten sich zum Beispiel ihre Ziegel aktiv zurückholen, wenn Gebäude zurückgebaut werden. Es macht Sinn, wenn die Gewerke, die das Gebäude herstellen, dieses auch wieder rückbauen – nicht zuletzt auch wegen der Prüfungsmöglichkeiten und Gewährleistung.

“Ich stell mir das vor wie ein VHS-Band von einer Errichtung, die rückwärts abgespult wird.”

Würde das den Rückbau nicht stark verkomplizieren, wenn da alle möglichen Firmen ihre Materialien und Bauteile wieder nacheinander abholen?
Ja, aber es ist absolut machbar. Bei der Errichtung klappt es ja auch. Es braucht dann auch der Rückbau eine Koordination. Ich stell mir das vor wie ein VHS-Band von einer Errichtung, die rückwärts abgespult wird.

Genau wie bei der Errichtung steckt dann auch beim Rückbau das meiste Potenzial zur Kostenvermeidung in der korrekten Planung. Je besser wir ein Gebäude am Ende seines bisherigen Lebenszyklus kennen, desto präziser können wir dessen weiteren Verlauf planen.

Wir brauchen da generell ein Umdenken. Aus der Schadstofferkundung, die ja stattfindet, muss eine Wertstofferkundung werden. Es muss ein Bewusstsein für den Wert von Bauteilen in den Bestandsgebäuden entstehen.

Ist das Potential der Bauteile wirklich groß genug, um den Mehraufwand zu rechtfertigen?
Das Potential ist da, es fehlt an Mut. Unternehmen sehen sich oft als Produzenten und nicht als Logistiker oder Spediteure. Es gibt viel Angst davor, etwas Neues auszuprobieren. Größere Komplexität beim Rückbau ist jedenfalls nicht das ganz große Hindernis. Rechtlich muss es auch erlaubt oder gefördert werden – man kann sich da ein Beispiel nehmen, wie das damals beim Recycling gemacht wurde. Man identifiziert wiederverwendbare Teile, schafft eine Industrie dafür und ordnet deren Nutzung an.

Das gilt auch für die Qualitätskontrolle von ReUse-Bauteilen. Die Technologie ist vorhanden. Was wir brauchen, ist der Mut und auch mehr Kooperation, wie die, die wir gerade bei KRAISBAU sehen.

Maximilian Klammer forscht an der Universität für Bodenkultur/Institute of Green Civil Engineering an ReUse-Konzepten für Gebäudeteile.

Titelbild: Ziegelentnahme im KAISBAU-Demogebäude Pachmüllergasse
Bildcredits: BOKU University/ IGCE

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