In einem Satz: Was macht ihr bei alchemia-nova genau?
Tamara: Wir sind ein interdisziplinäres Team, das zirkuläre und naturbasierte Innovationen für eine regenerative Zukunft vorantreibt. Die Vielfalt unserer Hintergründe ist entscheidend – durch unterschiedliche Blickwinkel entstehen neue Ideen und Lösungen.
Marco: Unser Team ist international und breit aufgestellt: von ökologischer Ingenieurwissenschaft über Agrarwissenschaft, Biologie, Wirtschaft, Architektur bis hin zu Landschaftsplanung.
Was sind das für Innovationen? Könnt ihr uns Beispiele nennen?
Tamara: Ein Projekt, das uns beiden besonders am Herzen liegt, ist die vertECO im Gemeinschafts- und Ökodorfprojekt “Cambium”. Das ist eine stufenförmig angeordnete Grünwand zur Wasseraufbereitung im dezentralen Kontext, die Wasser und Nährstoffe zum Beispiel für Bewässerung der lokalen Lebensmittelproduktion zur Verfügung stellt. Was sie für mich zum Best-Practice-Beispiel macht, ist, dass sie nach erfolgreichen Begleituntersuchungen eine Ausnahmegenehmigung bekommen hat und so gezeigt werden kann, dass das aufbereitete Abwasser qualitativ zur Wiederverwendung geeignet ist.
“Mit unseren Projekten zeigen wir, dass Lösungen, wie Anlagen zur Abwasseraufbereitung und Wiederverwendung, bereits heute machbar sind”
Ist diese grüne Wand schon irgendwo in Betrieb?
Marco: Die Lösung ist bereits in Betrieb und wird auch genutzt. Es gibt zum Beispiel auch eine vertECO Grünwand in Spanien, in Lloret del Mar, die sich in einer Hotellobby befindet und dadurch auch zur öffentlichen Wahrnehmung beiträgt. Dort wird Grauwasser – also Abwasser ohne Toilettenwasser – aus dem Hotel gereinigt und dann für Gartenbewässerung und Toilettenspülung wiederverwendet.
Was im Cambium in Österreich besonders innovativ ist, ist, dass wir dort unser System erstmals mit dem kompletten Abwasser, also inklusive Toilettenabwasser, getestet haben. Und es hat auch funktioniert! Dann haben wir noch ein System in der Schweiz, in Zürich, das auch Grauwasser reinigt und zur Bewässerung und Toilettenspülung bereitstellt.
Wir haben noch ein anderes Grünwandsystem. GRETA – so heißt unsere grüne Wand, die direkt an der Fassade montiert ist und Grauwasser reinigt. Durch die Bepflanzung entstehen zusätzliche positive Effekte, besonders im urbanen Raum: Feinstaub wird gebunden, die grüne Wand kühlt im Sommer und isoliert im Winter und trägt durch Transpiration zur Verminderung des Urban-Heat-Island-Effekts bei. Gleichzeitig wird der Wasserverbrauch reduziert, da kein zusätzliches Frischwasser für Toilettenspülung oder Bewässerung benötigt wird.
GRETA ist derzeit in Sant Quirze del Vallès bei Barcelona als Demonstration installiert; geplant sind außerdem Umsetzungen in Wien sowie ein größeres System auf Santorini für ein nachhaltiges Hotel des Impact Hub Athens. Insbesondere im mediterranen Raum ist Wasserknappheit ein drängendes Thema.
Wie darf man sich diese grünen Wände vorstellen? Wie funktionieren die genau?
Prinzipiell sind die Mikroorganismen die Helden in diesen bepflanzten Filtersystemen, da sie Nährstoffe abbauen, Verschmutzungen reduzieren und einen Biofilm bilden, durch den das Abwasser langsam fließt, sedimentiert und filtriert wird.
“Es profitieren vor allem Gesellschaft und Öffentlichkeit”
Gibt es noch weitere Projekte, von denen ihr uns erzählen könnt?
Tamara: Im Bereich der zirkulären Bioökonomie haben wir zum Beispiel verschiedene Projekte, in denen wir uns mit der Nutzung von Biomasse-Reststoffen beschäftigen und damit, wie man diese im Sinne der Kreislaufwirtschaft einsetzen kann.
Dabei untersuchen wir zunächst, welche relevanten Reststoffe in einer Region vorhanden sind, erfassen diese und machen die Ströme und Potentiale mittels Materialflussanalysen sichtbar.
Als konkretes Beispiel haben wir uns Lebensmittelrestströme angeschaut, etwa Altöl, Kerne aus Fruchtresten und Altbrot und dazu eine Materialflussanalyse für die Pilotregion Wien/Niederösterreich gemacht: Wie viel fällt an, was passiert aktuell damit und was wären höherwertige Nutzungsstrategien? Altbrot wird zum Beispiel häufig als Tierfutter verwendet, obwohl man es bei geeigneter Trennung einer deutlich höherwertigen Nutzung zuführen könnte, etwa wieder in der Brotherstellung.
Bei Fruchtkernen und -resten gibt es ebenfalls interessante Nutzungsoptionen. Zum Beispiel die Herstellung von Milch- und Käsealternativen aus Marillenkernen oder die Gewinnung von Ölen aus Traubenkernen. Diese können sowohl in der Kosmetik als auch für den Verzehr genutzt werden.
Wie kam es eigentlich zur Gründung von alchemia-nova?
Tamara: Die Ursprünge reichen 25 Jahre zurück. Damals war Kreislaufwirtschaft noch kein großes Thema. Was für die Mutterfirma von alchemia-nova bereits relevant war, war diese innere Haltung und das Bewusstsein, dass das vorherrschende lineare und fossile Paradigma langfristig nicht nachhaltig funktionieren kann. Eine große Motivation war von Anfang an, Teil einer Lösung zu sein und Kreislaufwirtschaft sowie naturbasierte Lösungen voranzutreiben. Das war echte Pionierarbeit – und natürlich hat sich seither vieles verändert. Der Grundgedanke und die Motivation, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, sind jedoch im Kern gleich geblieben.
Profitiert ihr eigentlich von den Lösungen und Innovationen, die ihr auf den Markt bringt?
Tamara: Da wir gemeinnützig arbeiten und unsere Projekte öffentlich gefördert sind, profitieren vor allem Gesellschaft und Öffentlichkeit von den Lösungen. Die Ergebnisse sind offen zugänglich, replizierbar und skalierbar. Mit unseren Projekten zeigen wir, dass Lösungen, wie Anlagen zur Abwasseraufbereitung und Wiederverwendung, bereits heute machbar sind, auch wenn sie institutionell noch auf einige Barrieren stoßen. So leisten wir einen Beitrag dazu, dass sie künftig breiter umgesetzt werden.
“Naturbasierte und zirkuläre Lösungen haben viele Benefits, die schwer monetär abzubilden sind“
Das ist alles sehr spannend! Dürfen wir auch schon erfahren, welche Projekte in den nächsten 12 Monaten bei euch anstehen?
Marco: Na ja, die meisten Projekte laufen ja drei bis vier Jahre. Einige laufende Projekte kommen jetzt in die Phase, in der Demos und Pilotprojekte umgesetzt werden, das sind immer sehr intensive Phasen. Zum Beispiel das Projekt auf Santorini, wo wir Wasser- und Nährstoffkreisläufe lokal in einem Hotel schließen wollen.
Tamara: Genau. Zusätzlich finalisieren wir im Kreislaufwirtschafts-Team nächstes Jahr drei Projekte, da geht es um Reststoffanalysen. Wir entwickeln dabei ein Tool, das Zirkularitätspotentiale identifiziert und in unserem transdisziplinären Nachhaltigkeitsbewertungs-Ansatz angewendet werden soll.
Und weiter in die Zukunft gedacht: Wo seht ihr euch im Jahr 2030?
Tamara: Es ist immer schwierig, so weit in die Zukunft zu schauen. Was aber konstant ist und unseren Wert ausmacht, sind das Team und das Feuer, das das Team für die Projekte hat. Wichtig ist auch das internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeiten und Lernen in EU-Projekten – dadurch wachsen wir.
Marco: Wir sind stark idealistisch geprägt und möchten mit Wirkung und Replikation dazu beitragen, gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen abzufedern und Entwicklungen wieder in eine positive Richtung zu lenken. Dafür braucht es bessere Rahmenbedingungen – politisch und wirtschaftlich. Naturbasierte und zirkuläre Lösungen haben viele Benefits, die schwer monetär abzubilden sind, wie Biodiversität, Erholungsräume oder Wasserrückhaltung.
Tamara: Eine Sache möchte ich noch ergänzen. Ich war kürzlich auf einem Event zur Schürfung von Ressourcen in der Tiefsee und dazu, welchen einzigartigen Lebensraum man dabei zerstört und wie lange es dauert, bis sich dieser überhaupt wieder aufbaut. Wenn man nachdenkt, zum Beispiel über Seltene Erden oder andere Metalle, merkt man, dass wir es nicht einmal schaffen, das, was wir schon haben, richtig zu recyceln. Bevor man also in die Tiefsee geht, könnte man zuerst die Recyclingquote von Batterien in Europa erhöhen, statt noch mehr Lebensraum zu zerstören. Lebensraum, von dem wir gar nicht wissen, welche Auswirkungen das auf die CO₂-Speicherung hat. Da könnte man mehr tun, und es gibt dafür auch Visionen und Modelle.
Was aber schön ist – und da spanne ich den Bogen zurück zu uns und unserem Team – ist, das Feuer von Menschen zu erhalten, die daran glauben und gemeinsam daran arbeiten. Dieses Feuer aufrechtzuerhalten ist, glaube ich, der Teil, den wir auf jeden Fall beitragen können.
Dafür wünsche ich euch viel Erfolg und hoffe, dass euer Feuer niemals erlischt! Jetzt bleibt noch eine Frage: Wie hat das Climate Lab und seine Community euch geholfen, Ideen oder Projekte umzusetzen?
Tamara: Das Gesamtwerk ist sehr, sehr sinnvoll. Zum einen betrifft es die Bewusstseinsbildung und die Stakeholder-Partizipation – es ist ein Eventraum, es ist ein Netzwerk, wo man Leute erreicht. Das ist das eine. Und das andere ist intern, in unserer Community sozusagen. Wir sind ja schon ein interdisziplinäres Team, aber eingebettet in diese Community ergeben sich immer wieder sehr interessante Gespräche und Kooperationsmöglichkeiten.
Wenn ich jetzt an die Drei-Jahres-Feier denke, danach hatte ich wirklich das Gefühl: Wir gemeinsam – auch wenn die Rahmenbedingungen vielleicht schlechter werden – wir arbeiten gemeinsam an der gleichen Lösung. Genau das gibt Motivation und das Gefühl, dass wir gemeinsam stärker sind und am Richtigen arbeiten.
Marco: Nichts hinzuzufügen. Wir fühlen uns im Climate Lab sehr wohl!
Tamara Vobruba studierte technische Mathematik an der TU Wien und spezialisierte sich auf mathematische Modellbildung und Simulation. Getrieben vom Wunsch, ihre Arbeit stärker auf gesellschaftlich wirksame Lösungen auszurichten, wechselte sie vor über sechs Jahren zu alchemia-nova. Heute teilt sie sich die Geschäftsführung des Unternehmens und leitet als Team Lead den Bereich Circular Bioeconomy.
Marco Hartl ist Lead des Teams Nature-based Solutions & Water und verantwortet internationale Projekte zu Wassermanagement und Klimaanpassung. Er studierte ökologisches Ingenieurwesen an der BOKU Wien und sammelte schon früh internationale Erfahrungen in Forschungsprojekten im Oman sowie während seiner Promotion in Barcelona.
Links:
– Alchemia Nova