Wer soll das bezahlen? Sätze wie diese hört man oft, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Auf diese Weise wird gerne unterstellt, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit im Widerspruch stünden – ein Trugschluss, durch den Unternehmen die erhebliche ökonomische Chancen der Nachhaltigkeitstransformation leicht verpassen könnten. In einem gemeinsamen White Paper zeigen jetzt Climate Lab und Wien Energie anhand einer Road Map und mehrerer Beispiele auf, wie Nachhaltigkeit zum Business Case wird.
„Die wirtschaftliche Bedeutung der Nachhaltigkeitstransformation ist heute und in Zukunft erheblich. Sie ist nicht nur ein ethischer Anspruch, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor.”
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Mathias Hofmann
Geschäftsbereichsleiter Finanzen, Controlling & Beschaffung bei Wien Energie
4 Schritte zum Business Case durch Nachhaltigkeit
Von Effizienzsteigerungen und damit einhergehenden Kostensenkungen über neue Märkte bis hin zu höherer Kundenloyalität reichen die Vorteile der verschiedenen Maßnahmen. Dabei lassen sich vier Dimensionen der ökonomischen Nachhaltigkeit unterschieden, die im vorliegenden White Paper eingehend beschrieben werden: das operative Geschäft, die strategische Positionierung, die Mitarbeiter:innen und die Kund:innen. Mit dem ebenfalls beschriebenen SEED-Ansatz (Scan, Estimate, Evaluate, Deliver) lassen sich konkrete Potentiale in vier Schritten analysieren.
„Interessant werden die Hebel Effizienzsteigerung, Risikoreduktion und Innovationspotenzial v.a. dann, wenn sie sich durch ihre Verknüpfung potenzieren.“
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Dr. Alexander Engelmann
Assistenzprofessor, Institut für Strategisches Management, Wirtschaftsuniversität Wien
Zunächst gilt es in der Scan-Phase, die mögliche ökonomischen Nachhaltigkeitspotenziale im eigenen Unternehmen zu erfassen. Wien Energie konnte so 27 Potentiale identifizieren. In der Estimate-Phase wird diese Longlist aufgrund von vier Kriterien bewertet und zu einer Shortlist kondensiert. Die Kriterien umfassen das finanzielle Ausmaß, die Eintrittswahrscheinlichkeit, die Quantifizierbarkeit und die Prognostizierbarkeit. Bei Wien Energie standen am Ende dieser Phase 5 vielversprechende Potentiale. In der Evaluate-Phase werden die tatsächlichen Potentiale möglichst genau berechnet. In der Delivery-Phase werden schließlich konkrete Maßnahmen abgeleitet und Umsetzungsroadmaps erstellt.
Business Case Produktivität
Motivation und Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen und seinen Zielen spielen eine wichtige Rolle für die Produktivität. Gerade projektbezogenen Mitarbeitenden ist ein Beitrag zur nachhaltigen Transformation oft wichtig. In der Folge steigt auch die Einsatzbereitschaft, wenn die eigene Arbeit zu dieser Transformation beiträgt. Der Produktivitätsunterschied zwischen nicht nachhaltigen und nachhaltigen Unternehmen kann dabei laut Schätzungen bis zu 21% betragen.
„Eine stärkere Identifikation mit der Unternehmensvision fördert Motivation, steigert die Innovationskraft und verbessert die Zusammenarbeit – auch bereichsübergreifend zwischen unterschiedlichen Business Units.“
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Christian Bruck
Institut für Strategisches Management, Wirtschaftsuniversität Wien
Business Case Mitarbeiterbindung
Neues Personal kostet Geld – bis zu 5.000 Euro pro Neueinstellung alleine für Recruiting, Onboarding und Einarbeitung. Gleichzeitig gehen mit dem Abgang von Mitarbeitenden auch Know-How und eingespielte Zusammenarbeit verloren. Die Produktivitätsverluste der Einarbeitungszeit können rund 26% Prozent eines Jahresgehalts ausmachen. Unternehmen sind daher immer bemüht, gutes Personal zu halten und investieren daher in die Mitarbeiterbindung. Auch hier kann Nachhaltigkeit einen Unterschied machen. Die Fluktuationsrate zwischen nachhaltig positionierten Unternehmen und solchen, die das nicht sind, unterscheidet sich um bis zu 11%.
„Wer keinen nachhaltigen Unternehmenszweck nachweisen kann, findet nicht die besten Hände und Köpfe.“
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Marika Püspök
Chief Climate Officer, Wiener Stadtwerke
Business Case Finanzkonditionen
Eine Möglichkeit auf wirtschaftliche Vorteile durch Nachhaltigkeit sind günstigere Finanzkonditionen. Die Annahme dabei ist, dass Unternehmen mit klaren Transformationspfaden, glaubwürdiger ESG-Berichterstattung und nachhaltigen Investitionsprojekten auf Vorteile in der Kapitalbeschaffung hoffen können. Für Wien Energie hat sich hier gezeigt, dass eine nachhaltige Positionierung zu klaren Finanzierungsvorteilen führt. Entscheidend dafür sind Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Umgekehrt kann eine Abkehr mittelfristig zu ernsthaften Finanzierungshürden bis hin zu Kreditablehnungen führen.
„Investitionsentscheidungen sollten nicht mehr ohne ESG-Betrachtung getroffen werden, da treibhausgasintensive Technologien zunehmend unfinanzierbar werden.“
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Sabina Eder
Director ESG Corporates bei Bank Austria
Business Case Kundenzufriedenheit
Neue Kundschaft gewinnen und bestehende Kund:innen halten ist ein universelles Erfolgsrezept für alle Unternehmen, Mit Nachhaltigkeit kann das gelingen. Der Einfluss von Nachhaltigkeit auf Kaufentscheidungen hängt dabei jedoch stark vom Produkt ab. Im Energiesektor ist dieser Einfluss relativ hoch, der Preis spielt aber eine noch größere Rolle. Bei vergleichbaren Preisen kann die Nachhaltigkeit jedoch den Ausschlag geben. Außerdem kann Nachhaltigkeit dazu beitragen, dass (begrenzt) höhere Preise eher akzeptiert werden.
Auch eine Kund:innenbefragung von Wien Energie hat gezeigt, dass Nachhaltigkeit als Argument strukturell relevant bleibt. Wien Energie erwartet zudem, dass die Bedeutung von Nachhaltigkeit durch die zunehmende Sichtbarkeit von Klimaschäden, gesellschaftliche Debatten und Regulierung weiter zunehmen wird.
Business Case Neue Märkte
In einem dynamischen Umfeld ist es oft ratsam, nach neuen Märkten Ausschau zu halten und diese auch zu erschließen. First-Mover-Vorteile (und -Nachteile) sind besonders ausgeprägt. Ein großer Gamechanger der Gegenwart ist dabei auch die Nachhaltigkeit. Bei Wien Energie hat man daher die Möglichkeiten eines neuartigen Energietarifs analysiert und dabei einige wertvolle Erfahrungen gewonnen.
Um Zugang zu neuen, nachhaltigen Märkten zu erlangen, sollten Unternehmen Nachhaltigkeit als Innovationstreiber nutzen. Eine enge Zusammenarbeit von Strategie, Innovation und Nachhaltigkeit im Unternehmen sollte forciert werden. Es gilt, Marktbereiche zu identifizieren, in denen ökologische Herausforderungen noch nicht ausreichend durch bestehende Produkte gelöst werden.
„Nachhaltigkeit ist … ein zentraler Wachstumstreiber. Unternehmen, die früh investieren, sichern sich Wettbewerbsvorteile, stabile Margen und Zugang zu neuen Märkten.“
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Gernot Tritthart
Head of Marketing, Innovation & Public Affairs bei Holcim Österreich
Nachhaltigkeit ist ein strategischer Werttreiber. Wer heute investiert, schafft ökonomische Resilienz und eröffnet sich Zugang zu Wachstumsfeldern von morgen. Wer zögert, riskiert strukturelle Nachteile – viele davon irreversibel. Eine glaubwürdige Nachhaltigkeitstransformation ist somit Voraussetzung wirtschaftlich erfolgreichen Handelns, mit der ein Unternehmen zugleich einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl leistet.
Zum White Paper “Ökonomische Potenziale der Nachhaltigkeit”