Fangen wir von vorne an: Was ist der Digitale Produktpass (DPP) eigentlich genau?
Basierend auf der Ökodesign-Verordnung müssen alle Produkte, die in der EU auf den Markt gebracht werden, in Zukunft einen Digitalen Produktpass (DPP) haben, der alle relevanten Informationen zu Herstellung, Materialien, Lieferketten, Nutzung, Reparatur und dergleichen enthält.
Im Rahmen des Projekts „DPP für Matratzen und Textilien“ im Climate Lab hast du auch einen Leitfaden für Unternehmen erstellt. Wie kann dieser Leitfaden Unternehmen helfen?
Unser Ziel ist es, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Unternehmen einen Wettbewerbsnachteil haben, wenn sie zu lange warten. Es gilt, sich schon jetzt, also rechtzeitig mit dem Digitalisierungsprozess auseinanderzusetzen. Deshalb war es uns wichtig, diesen Leitfaden zu erstellen. Das ist im Grunde eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, was Unternehmen schon jetzt tun können. Zum Beispiel ein Pilotprojekt starten, um die eigenen Daten zu überprüfen oder Gespräche mit der Lieferkette zu führen. Es geht darum, sich jetzt schon die notwendigen Daten zurechtzulegen oder einen Überblick zu gewinnen, was schon da ist und was noch fehlt.
Wir gehen in unseren Projekten auch aktiv in den Austausch mit Unternehmen. Wir versuchen zu verstehen, welche konkreten Bedürfnisse sie haben und wie wir sie auf ihrem Weg zum DPP bestmöglich unterstützen können.
Wenn die Daten vorhanden sind, werden sie vermutlich auch in irgendeiner Form harmonisiert werden müssen. Gibt es dazu schon Informationen, wie das umgesetzt werden soll?
Die Absicht der EU ist, es den Unternehmen so einfach wie möglich zu machen. Es soll auch ohne externen Berater oder teure Tools gehen. Ob das wirklich gelingt, wird die Zukunft zeigen. Der Plan ist jedenfalls, dass alle Daten in einer Art maschinenlesbaren “Excel-Liste” erfasst werden. Wahrscheinlich werden die meisten Unternehmen, ähnlich wie sie jetzt Website-Provider nutzen, auch für den DPP auf externe Lösungen – sowas wie DPP Service Provider – zurückgreifen.
Für die Datenharmonisierung wird es Standards und Normen geben, die derzeit ausgearbeitet werden. Sie werden die technischen Details zu den vorgegebenen Daten vorgeben. Da besteht noch großer Harmonisierungsbedarf, da verschiedene Systeme unterschiedliche Angaben verwenden. Zum Beispiel bei den „Chemicals of High Concern“. Das sind Inhaltsstoffe, die gesundheitliche Auswirkungen haben können. Da besteht noch viel Unklarheit darüber, wie sie genau erfasst und dokumentiert werden sollen.
Ungeachtet aller Unklarheiten ist unsere Empfehlung, jetzt schon alle Daten zusammenzutragen und bereitzulegen. Denn wenn die Informationen einmal vorliegen, lässt sich vieles leicht anpassen oder umbenennen.
“Wir wollen weg von diesem linearwirtschaftlichen Cradle to Grave Ansatz, da sind sich ja inzwischen alle einig.”
Oft wird gesagt, dass First Mover in der Wirtschaftswende eher Nachteile als Vorteile haben. Wie siehst du das beim DPP?
Ich seh das nicht so. Die Daten helfen ja nicht nur für die Berichtslegung des DPP, sondern beschleunigen auch interne Prozesse und ermöglichen fundierte Entscheidungen im gesamten Unternehmen. Dadurch werden sie effizienter und können auch andere Bereiche – etwa Lieferketten – besser steuern. Wer hier früh gute Beziehungen aufbaut und Vertrauen schafft, verschafft sich damit auch einen klaren Wettbewerbsvorteil, wenn dann der DPP kommt. Für Textilien wäre das planmäßig verpflichtend ab 2028 und für Matratzen mit Übergangsfristen 2030.
Der Zeitvorsprung ist dabei auch entscheidend, wer sich jetzt schon mit der Digitalisierung und der Aufsetzung interner Projekte beschäftigt, kann die Erfahrung von mehreren Jahren berücksichtigen. Wer hingegen wartet, bis alle Details geklärt sind, riskiert Überforderung und deutlich höhere Kosten, zum Beispiel für Berater oder teure Tools, um die Umsetzung dann schnell nachzuholen.
Es wird ja auch immer wieder über zu viel Regulierung geklagt. Ist der DPP für die zirkuläre Transformation wirklich notwendig und sinnvoll?
Eine Kreislaufwirtschaft muss wissen, welche Materialien in einem Produkt enthalten sind, anders wird das nicht gehen. Wir wollen weg von diesem linearwirtschaftlichen Cradle to Grave Ansatz, da sind sich ja inzwischen alle einig. Damit das klappen kann, brauchen wir genaue, ausführliche und verlässliche Informationen über die Produkte.
Ein weiteres Ziel ist es, “gesündere” Produkte auf den Markt zu bringen. Das lässt sich nur überprüfen, wenn die Datenlage verlässlich ist und man genau weiß, welche Stoffe wo drin sind. So können dann auch Umweltinformationen und Produktkennzeichnungen bereitgestellt werden. Konsument:innen können so gut informiert entscheiden.
Gut, aber worauf konkret müssen sich Unternehmen jetzt einstellen? Wie sieht es mit den Kosten aus?
Der größere Kostenpunkt ist sicherlich, zu Beginn die interne Digitalisierung so aufzubauen, dass eine spätere Integration sehr einfach und automatisiert möglich ist. Die Kosten pro Produktpass sollten dann nicht allzu hoch sein.
“Es besteht das Risiko, dass andere Märkte früher Standards setzen und dadurch Wettbewerbsvorteile erzielen”
Welche weiteren Herausforderungen halten Unternehmen deiner Erfahrung nach davon ab, sich schon jetzt vorzubereiten?
Die größte Hürde scheint der Anfang zu sein, also einfach mal loszulegen. Sich in Zeiten vieler Unklarheiten auf den Weg zu machen, ist immer schwer. Wir kennen noch nicht alle Details und da tendiert man gerne dazu, erstmals abzuwarten. Aus meiner Arbeit und Erfahrung kann ich aber sagen, dass der DPP eine Gelegenheit für jene sein wird, die vorausschauend agieren und umgekehrt große Risiken für alle anderen birgt, die dann abgehängt werden. Unser Ziel im Climate Lab ist es deshalb auch, unseren heimischen Unternehmen Mut zu machen. Wir wollen sie dabei unterstützen, den DPP als Chance zu erkennen und das volle Potential zu heben.
Wie könnte man die Unternehmen aus deiner Sicht dazu motivieren, einfach mal loszulegen?
Unternehmen, die in zehn Jahren noch am Markt sein wollen, können sich nicht erlauben, Trends wie Digitalisierung, AI oder auch den Green Deal zu verschlafen.
Wie siehst du die Zukunft? Bleibt der DPP ein reines EU-Regulativ oder könnte er globale Standards setzen?
Es gibt bereits erste Entwicklungen für einen chinesischen DPP. Teilweise wird befürchtet, dass sich der chinesische Markt schneller entwickelt als der europäische. Während die EU noch an der konkreten Ausgestaltung arbeitet und einen möglichst geordneten Übergang für die Wirtschaft anstrebt, besteht das Risiko, dass andere Märkte früher Standards setzen und dadurch Wettbewerbsvorteile erzielen. Ich hoffe, dass europäische Unternehmen die bestehenden Chancen nutzen.
Helene Pattermann leitet seit der Eröffnung den Kreislaufwirtschaftsschwerpunkt Circularity im Climate Lab, in dem das Climate Lab Innovationsprojekte für das Umweltministerium durchführt.
Link:
– Ökodesign-Verordnung
– Climate Lab Leitfaden “Der Digitale Projektpass ist gefordert!”
– Digitale Produkt Pass – Wie starte ich am besten?