Regenerative Agriculture: Neustart für die Landwirtschaft

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Orlando Gruber

Das landwirtschaftliche System zielt aktuell auf maximale Erträge ab. Externe Kosten, etwa für die menschliche Gesundheit aber auch die Umwelt werden dabei gerne vergessen. Auch Resilienz in  Krisenzeiten spielt im kurzsichtigen Kalkül oft nur eine Nebenrolle. Was der Stand der Dinge ist, wohin die Reise gehen soll, und wie Produzent:innen, Händler:innen und Konsument:innen betroffen sind, war Thema bei den Impact Days.

“The current system of agriculture is failing and killing us.” Es sind drastische Worte, die Impact Investor Gadi Kenny in der Podiumsdiskussion Regenerating Agriculture: From Fields to Systems bei den Impact Days findet. Bei den weiteren Diskutant:innen und den zahlreichen Zuhörer:innen, einige davon selbst in der Landwirtschaft tätig, lösen sie teils Stirnrunzeln und teils zustimmendes Kopfnicken aus. Doch wie sehr stecken wir im Schlamassel?

Ein System, das sich selbst auffrisst

Es mag ein Wunder der Moderne sein, eine globale Milliardenbevölkerung in diesem Ausmaß ernähren zu können. Dennoch, unser aktuelles Landwirtschaftssystem weist milde ausgedrückt mehrere Problemfelder auf. Etwa ein Drittel aller Treibhausgasemissionen sind auf jenes System zurückzuführen. 70% des verwendeten Süßwassers mündet in der Landwirtschaft. Die Hälfte allen genutzten Landes auf unserem Planeten wird von Landwirtschaft beansprucht. Zugleich gehen jährlich zehn Millionen Hektar Ackerfläche verloren, weil die Böden immer mehr Humus und Nährstoffe verlieren. Der Planet als großes Ganzes und damit unsere gesamte Lebensgrundlage wird durch die jetzigen landwirtschaftlichen Praktiken zunehmend ausgebeutet und strapaziert.

Neben der ökologischen Notlage legen auch Konflikte, Blockaden und Extremwetterereignisse die Verletzlichkeit unseres Ernährungssystems offen. Insbesondere die Abhängigkeit von fossilen Produkten und industriellen Praktiken  sind enorme Risikofaktoren. Was laut dem Sektionsleiter für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung Johannes Fankhauser noch hinzukommt: viele Bäuer:innen sind abhängig von Subventionen. Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sehen laut ihm anders aus.

Benefits before looks 

Noch wird viel zu wenig gegen diese multiplen Krisen unternommen. Laut dem International Panel of Experts on Sustainable Food Systems ist die Transformation der Landwirtschaft und des Ernährungssystems in Richtung  (Klima-)Resilienz nach wie vor chronisch unterfinanziert. Dabei gilt es gerade jetzt, die Resilienz tief in der DNA unseres Ernährungssystems zu verankern, wie Adele Jones von Rooted Strategies anmerkt. Nicht nur die Erträge, sondern auch die Gesundheit der Umwelt muss bei der Bemessung landwirtschaftlichen Erfolgs berücksichtigt werden.

Regenerative Landwirtschaft setzt genau da an. Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit werden gezielt miteinander verbunden. Ins Zentrum rücken dabei die Bodenbiologie sowie die Gesundheit des landwirtschaftlichen Systems, samt seiner Flora und Fauna. Auch die Big Player im Ernährungssystem – Lebensmittelunternehmen und Handel – profitieren davon, wie Gadi Kenny anmerkt. Denn ohne gesunde Böden fehlt dem Geschäft die Basis, mit der man arbeiten kann.

Ohnehin sollte man nicht für makellose, polierte Äpfel und andere optische Vorzüge zahlen. Gesundheitliche Vorteile – danach sollten Kund:innen ihre Einkäufe richten können, so Kenny. Seine Schlussfolgerung: gesündere Böden, gesündere Produkte. Robert Nagele von Billa zeigt sich hier deutlich skeptisch. Er merkt an, dass dieses Narrativ schön und erstrebenswert ist, jedoch nicht der Realität entspricht. Kund:innen seien schlichtweg nicht bereit, die entsprechenden Preise zu zahlen.

Gemeinsam aus dem Schlamassel 

Kund:innen wollen erschwingliche, gesunde Lebensmittel. Der Handel reagiert auf die Nachfrage und versucht, das Angebot entsprechend zu gestalten und selbst möglichst große Gewinne abzuschöpfen. Landwirt:innen tragen am Ende das Risiko, produzieren, wie es der Markt, die Umgebung und finanzielle als auch zeitliche Mitteln erlauben. Die Diskussion bei den Impact Days 2026 machte eines deutlich: Es gibt dabei nicht die eine Stellschraube, die alle Probleme löst. Vielmehr braucht es ein Zusammenspiel aller Akteur:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Einige dieser Stellschrauben wurden jüngst auch auch in einem Hintergrundgespräch von DISKURS.Das Wissenschaftsnetz genannt. Die Expert:innen Marianne Penker und Johannes Tintner-Olifiers (beide BOKU)  verwiesen auf die Umsetzung von Agroforstsystemen, den Aufbau von Humus, bodenschonende Praktiken und den Wissensaustausch unter Landwirt:innen. Doch heben sie auch hervor, dass es einen fundamentalen Wechsel in der Geschäftslogik braucht. Gute Ernten dürfen künftig nicht fallende Marktpreise bedeuten. Vielmehr braucht es stabile Preise, sodass finanzielle Puffer für schlechtere Zeiten aufgebaut werden können. Tinter-Olifiers bringt hier insbesondere die soziale Dimension ins Spiel: Eine gesunde Ernährung darf nicht eine Frage finanzieller Privilegien sein.

Die Lösungen werden sich nicht in isolierten Silos finden lassen, sondern an den Schnittstellen von Industrie, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Schnittstellen, wie sie die Impact Days bieten.

Die Diskussion führten Gadi Kenny, Adele Jones (Rooted Strategies), Robert Nagele (Billa), Wolfgang Suske (Suske Consulting), Johannes Fankhauser (BMLUK), und Tanja Moser (Hummelhof).

 

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