„Wir brauchen keine Dekarbonisierung, eine Defossilisierung reicht uns völlig aus.“, bringt es Thomas Timmel, Geschäftsführer von BioBASE beim Auftakt-Event im Climate Lab auf den Punkt. Gemeint ist damit: Nicht Kohlenstoff an sich ist das Problem, sondern unsere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und den damit verbundenen Lieferketten. Die Nutzung erneuerbarer biogener Materialien und deren möglichst langfristige Kreislaufführung könnten einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die kurzsichtige, lineare Wirtschaftsweise schrittweise hinter uns zu lassen und auf ein langfristig verlässlich funktionierendes System zu wechseln.
Umso erfreulich ist, dass sich das Climate Lab mit Unterstützung von BioBASE bei der Ausschreibung des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) für das „Begleitprogramm wertschöpfungskettenorientierte Akteursvernetzung für Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie“ durchsetzen konnte. Seit 2022 arbeitet das Climate Lab an Projekten rund um Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft, bringt Unternehmen, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammen und versteht sich als Vernetzungsplattform für die Transformation. Mit dem neuen Auftrag rückt nun die Bioökonomie verstärkt in den Fokus.
Was Bioökonomie eigentlich bedeutet
Bioökonomie beschreibt eine Wirtschaftsweise, die nicht auf fossilen, sondern auf vergleichsweise schnell nachwachsenden biologischen Rohstoffen basiert. Statt Erdöl, Erdgas oder anderen fossilen Ressourcen sollen etwa Biomasse, Holz, Hanf und weitere biogene Materialien als Grundlage für Energie-, Chemikalien-, Verpackungs- oder Textilerzeugung dienen. Diese Stoffe haben nicht nur den Vorteil, dass sie nachwachsen. Sie lassen sich oft auch leichter im Kreislauf halten beziehungsweise wieder in Kreisläufe zurückführen. Ein Beispiel dafür ist die Kaskadennutzung von Holz. Dabei wird aus einem Rohstoff in mehreren Stufen Wert geschöpft – vom Baustoff Massivholz, über die Zellulosefasern, bis hin zur thermischen Verwertung.
Die Idee dahinter ist keineswegs neu. Menschen haben seit jeher mit natürlichen und nachwachsenden Rohstoffen gearbeitet. Im Laufe der Industrialisierung sank jedoch der Anteil biogener Rohstoffe immer weiter und fossile Rohstoffe setzten sich als Grundlage der modernen Wirtschaft durch. Während zu Zeiten der industriellen Revolution rund 1,6 Milliarden Menschen etwa 7,3 Gigatonnen Rohstoffe – überwiegend biogenen Ursprungs – verbrauchten, konsumiert die heutige Weltbevölkerung von rund acht Milliarden Menschen mittlerweile etwa 100 Gigatonnen Rohstoffe pro Jahr.
Zirkuläre Rohstoffe die nachwachsen
Die moderne Wirtschaft hat Rahmenbedingungen geschaffen, die vor allem auf Effizienz, Skalierbarkeit und niedrige Produktionskosten ausgerichtet sind. Fossile Rohstoffe gelten deshalb bis heute als billig, verfügbar und hochenergetisch. Die ökologischen Folgekosten dieser Entwicklung stehen allerdings selten am Preisschild, sagt Franz Sinabell vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Er verweist auf die zentrale Rolle der Natur als Grundlage wirtschaftlicher Wertschöpfung.
Klimakrise, Biodiversitätsverlust, Umweltverschmutzung oder Rohstoffknappheit scheinen in vielen wirtschaftlichen Kalkulationen kaum auf. Stattdessen werden diese Folgen gesellschaftlich und ökologisch ausgelagert. Gleichzeitig produziert das lineare Wirtschaftssystem – also jenes System, in dem Rohstoffe entnommen, verarbeitet, konsumiert und anschließend entsorgt werden – enorme Mengen an Abfall. Damit verbunden ist auch ein weiteres grundlegendes Wahrnehmungsproblem: Was heute als Abfall bezeichnet wird, sind oft Wertstoffe, also Reststoffe, die weiterhin nutzbar wären.
Mit der Verbindung von Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie versuchen Pionier:innen, solche Denkmuster aufzubrechen. Materialien sollen möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, möglichst lange nutzbar, modular, wiederverwendbar und rezyklierbar sein. Gleichzeitig geht es darum, insgesamt effizienter mit Ressourcen umzugehen.
Fossile Rohstoffe eins zu eins durch Biogene zu ersetzen, reicht dabei nicht aus. Dann hätte man zwar eine biobasierte, aber immer noch eine „Wegwerfökonomie“. Um den Ressourcenverbrauch zu decken, bräuchte man dann weiterhin drei bis vier Planeten Erde, wie Martin Greimel, Leiter des Zentrums für Bioökonomie der Universität für Bodenkultur Wien, beim Auftaktevent erklärt. Das wäre letztlich nur „das Gleiche in Grün“.
“Zusammen denken” ist in der Bioökonomie wörtlich gemeint
Genau deshalb setzt das neue Programm des Climate Lab auf die Verbindung beider Ansätze. Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie sollen als gemeinsames Transformationsprojekt verstanden werden. Dazu sollen konkrete Umsetzungsprojekte 2026 neue Erkenntnisse liefern. Einerseits geht es um die Wiederverwendung von Bauteilen bei Sanierungen, andererseits um Rohstoffpotenziale der Bioökonomie. Ziel ist es herauszufinden, wie sich Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie gegenseitig stärken können.
„Zusammen denken“ ist dabei durchaus wörtlich gemeint. Akteur:innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sollen ihre Silos verlassen, in Austausch treten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Verwaltung und Zivilgesellschaft sollen voneinander lernen, Bedarfe sichtbar machen und neue Kooperationen anstoßen. Genau darin sehen das Climate Lab und die BioBASE ihre zentrale Aufgabe.
Beim Kick-off-Event kamen bereits Vertreter:innen aus Bioökonomie, Kreislaufwirtschaft, Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft zusammen, darunter etwa Lenzing, Wien Energie, die Stadt Wien, die Hochschule Campus Wien oder WWF Österreich. Neben der Feier zum Projektstart wurde auch direkt gearbeitet. In vier World Cafés zu den Themen Logistik, Kaskadennutzung, Bauteilwiederverwendung und Bioraffinerie fand ein erster fachlicher Austausch statt.
Viele offene Fragen von Wirtschaftlichkeit bis sozialer Gerechtigkeit
Im Mittelpunkt stehen dabei konkrete Fragen: Welche Reststoffe können künftig als Rohstoffe genutzt werden? Welche Materialströme existieren bereits, werden bisher aber kaum wahrgenommen? Wie lassen sich Produkte so gestalten, dass ihre Wiederverwertung von Anfang an mitgedacht wird?
Bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen wird ein systemischer Ansatz verfolgt. Denn Transformation bedeutet nicht nur technologische Innovation. Auch Fragen der Wirtschaftlichkeit, Skalierung, Infrastruktur, Produktanforderungen oder sozialer Gerechtigkeit spielen eine zentrale Rolle. Welche Größe muss etwa eine Bioraffinerie haben, um wirtschaftlich tragfähig zu sein? Welche Reinheit benötigen Stoffströme? Wie geht man mit Schadstoffen in überwiegend biogenen Abfällen um? Welche regulatorischen Rahmenbedingungen braucht es? Und wie hoch ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Reststoffen als neue Rohstoffe?
In den kommenden zwei Jahren wird das Climate diesen und weiteren Fragen auf den Grund gehen und aufzeigen, welches Potential in einer zirkulär gedachten Bioökonomie tatsächlich steckt.







