Bau- und Abbruchabfälle machen zusammen mit Aushubmaterialien rund 75 Prozent des Abfallaufkommens in Österreich aus – die Bau- und Abbruchabfälle allein liegen bei 11,5 Millionen Tonnen jährlich. Und das ist nicht nur ein österreichisches Problem: Weltweit gehen laut UN rund 37 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen auf das Konto von Bau und Betrieb des Gebäudebestands – mehr als in jeder anderen Branche. Geändert hat sich bisher trotzdem wenig.
Zwar schreibt die Recycling-Baustoffverordnung seit 2016 eine getrennte Sammlung in sieben Stoffgruppen vor – aber getrennt gesammelt heißt noch lange nicht wiederverwendet. Genau hier setzt das Projekt an, das das Climate Lab 2025 im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klima durchgeführt hat. Ein gutes Jahr lang saßen Vertreter:innen aus der Bauwirtschaft, Verwaltung und Forschung an einem Tisch – nicht für ein weiteres Grundsatzpapier, sondern um an einzelnen Bauteilen durchzuspielen, was in der Praxis schon funktioniert: Wer macht was? Wer braucht wen? Und wo bleibt die Lieferkette stecken? Im Fokus standen Bauteile, die in großen Mengen anfallen und sich grundsätzlich gut wiederverwenden lassen, wie Fenster, Türen oder Gipskartonplatten.
Re-Use ist nicht Recycling – auch wenn das viele durcheinander bringen
Recycling und Wiederverwendung werden oft in einen Topf geworfen – gemeint sind aber zwei verschiedene Dinge. Beim Recycling wird ein Bauteil geschreddert und zu Rohstoff zurückverarbeitet. Aus einem alten Holzboden werden zum Beispiel Hackschnitzel. Das ist ökologisch besser als nichts, aber alles, was an Zeit und Energie einmal in diesen Holzboden geflossen ist, ist verloren.
Bei der Wiederverwendung bleibt das Bauteil als Ganzes erhalten: Die Tür wird wieder zur (oder bleibt eine) Tür, das Fenster wird wieder zum Fenster. Das spart die graue Energie, die im fertigen Bauteil steckt – also alles, was nötig ist, um ein fertiges Produkt zu erstellen.
Ökonomisch ist die Wiederverwendung in Österreich bisher ein Nischenmarkt. Recycling-Quoten lassen sich vorzeigen, weil sie sich messen und ausweisen lassen, Wiederverwendung taucht jedoch in der Statistik kaum auf. Ein Bauteil, das nochmal eingebaut wird, wird formal gesehen nie zum „Abfall“ und daher auch nicht erfasst. Diese Unsichtbarkeit ist Teil des Problems – und mit ein Grund, warum es im Climate Lab um konkrete Bauteile statt abstrakte Quoten ging.
Das beste Beispiel ist das Fenster
Am Fenster lässt sich besonders gut zeigen, wie weit „in der Theorie machbar“ und „in der Praxis bestellbar“ auseinander liegen können – und wie viel sich auch verkürzen lässt, wenn die richtigen Akteure miteinander reden. Fenster sind, was Wiederverwendung angeht, ein schwieriger Fall: Glas, Rahmen, Beschläge, Dichtungen, dazu unterschiedliche Materialien je nach Baujahr. Trotzdem gibt es inzwischen für fast jedes Szenario Akteure, die sich mit möglichen Lösungen befassen. Ein Überblick zu bestehenden in- und ausländischen Marktplätzen, Bauteilbörsen und Initiativen findet sich auch im Abschlussbericht des Climate Lab.
Wer Fenster mit Isolierverglasung ausbaut, kann Urban Matter rufen. Das Unternehmen organisiert Sammlung und Gestelle direkt auf der Baustelle und bereitet das Glas zu neuen Flachglasprodukten auf – ab dem 50. Fenster kostenfrei in ganz Österreich, in Salzburg und Oberösterreich auch bei kleineren Mengen.
Wer ein Fenster gar nicht erst ausbauen will, hat ebenfalls Optionen. Die Wiener KomfortFenster GmbH und das steirische Unternehmen Kapo modernisieren historische Kastenfenster, indem sie ein neues, hochdämmendes Innenfensterelement einsetzen und die schöne Außenseite weitgehend erhalten. Dass das auch im großen Maßstab funktioniert, hat das Empire State Building schon 2009/2010 gezeigt: Damals wurden tausende Bestandsgläser aufgetrennt und auf modernen Wärmeschutzstandards gebracht – statt sie in den Container zu werfen.
Parkett, Gips, Ziegel – die einfachen Kandidaten
Im Gegensatz zum Fenster tun sich andere Bauteile mit ReUse und Co. etwas leichter. Türen, Parkett oder Ziegel sind standardisierter, einfacher zu demontieren und fallen in großen Mengen an. Weitzer ReParkett etwa baut alte Böden aus und bereitet sie auf. 200 Jahre alte Dielen können schließlich heute robuster sein als so manches Neuprodukt. Pro Quadratmeter Bestandsboden, der nicht entsorgt und ersetzt wird, spart das laut Hersteller rund 54 Kilo CO2.
Bei Gipskartonplatten hilft seit Jänner 2026 auch die Regulatorik nach: Mit dem Deponieverbot für Gipsabfälle und einer neuen Trennpflicht auf der Baustelle wird die billigste Entsorgung schlichtweg teurer. Und siehe da: Das deutsche Start-up Re:Unit verkauft bereits vollständig wiederverwendete Platten – zu Preisen, die mit Neuprodukten mithalten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich der Markt neu ausrichtet, sobald die Spielregeln sich geändert haben.
Wo es noch hakt und klemmt
Was noch fehlt, ist ein starkes Preissignal. Wiederverwendete Bauteile kosten oft mehr als neue, weil sorgfältiger Ausbau, Prüfung und Aufbereitung Aufwand machen, der bei einer frisch produzierten Tür einfach entfällt. Lagerflächen fehlen vor allem in den Städten, wo das ausgebaute Material und die nächste Baustelle selten zeitlich zusammenpassen. An Haftung und Gewährleistung will sich niemand heranwagen – wer garantiert, dass das vor 30 Jahren eingebaute Fenster auch die nächsten 30 Jahre dicht hält? Und über allem liegt ein kulturelles Grundproblem: Im Bau gilt “neu” noch immer als sicherer, schöner, professioneller. Gebraucht klingt hingegen oft nach einem Kompromiss.
Auf der regulatorischen Seite braucht es vor allem eindeutige Klarstellungen in den bestehenden Gesetzen. Ein Beispiel hat das BMLUK selbst noch während des Projekts geliefert: Auf seiner Website steht inzwischen ausdrücklich, dass Bauteile, die vor dem Abbruch fachgerecht ausgebaut werden, kein Abfall sind. Was nach einer rechtlichen Spitzfindigkeit klingt, hat in der Praxis enorme Folgen. Bauteile, die nicht als Abfall gelten, dürfen weiterverkauft, transportiert und wieder eingebaut werden, ohne in den abfallrechtlichen Apparat zu rutschen.
Was ebenfalls noch fehlt, sind belastbare Haftungsmodelle, eine vereinfachte Re-Zertifizierung von Bestandsbauteilen und ganz banal geeignete Orte zum Zwischenlagern. Urban Mining Hubs wie die Kegelhalle der Materialnomaden in Wien zeigen, dass das funktioniert, sind aber noch Einzelfälle.
Politische Spielräume und Handlungsoptionen bestehen jedenfalls. So könnten eine reduzierte Umsatzsteuer auf gebrauchte Bauteile, eine CO2-Bepreisung von Primärmaterial oder eine gestaffelte Abbruchgebühr, den sorgsamen Rückbau belohnen und den schnellen Abriss verteuern. Dass solche Hebel wirken, zeigte ja auch schon das Gipsplatten-Deponieverbot.
Hier geht’s zum Abschlussbericht „Bauteilwiederverwendung“ des Climate Lab.
Links:
– Urban Matter
– WienerKomfortFenster GmbH
– Kapo
– Weitzer ReParkett
– Re:Unit
– Materialnomaden
– Concular