Gleich zu Beginn: Wie würdet ihr das Stadtentwicklungsprojekt RothNEUSiedl jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
A. Perlinger: Rothneusiedl ist seit den 1990er-Jahren als Stadterweiterungsgebiet im Stadtentwicklungsplan verortet. Frühere Ideen wie Streifenbebauung oder ein Stadion wurden nie umgesetzt. 2018/19 startete die Stadtentwicklung ein Strukturkonzept – dabei war schnell klar: Rothneusiedl muss sich den Herausforderungen von Klimawandel und Klimawandelanpassung stellen und zeigen, wie Stadtentwicklung unter diesen Vorzeichen aussehen kann. Daraus entstand die Charta Rothneusiedl mit neun Leitideen – und die Idee, einen Klima-Vorzeigestadtteil zu machen: einen Pionierstadtteil der Klimaanpassung.
Umgesetzt wird das im Siegerprojekt des Wettbewerbs: der Grünen Ring von O&O Baukunst sowie capatti staubach. Das ist ein rund drei Kilometer langer grüner Ring mit 40 Hektar klimawirksamer Grün- und Freifläche. Als Stadt der kurzen Wege soll Rothneusiedl kein reines Wohnviertel, sondern ein ganzer Stadtteil sein – mit guter öffentlicher Anbindung und nachhaltigen Energie- und Infrastrukturkonzepten. So soll das Gebiet zeigen, wie Wien auch künftig klimafit wachsen kann.
“Ziel ist, möglichst viel Wasser im Gebiet zu halten”
Ein zentrales Konzept ist dabei die Schwammstadt. Was ist das?
A. Perlinger: Der Boden im Gebiet ist sehr dicht und Regenwasser rinnt eher oberflächlich ab als zu versickern. Wir müssen deshalb anders mit Regenwasser umgehen. Die Hochwasser vor zwei Jahren haben gezeigt, dass auch Wien vor solchen Naturereignissen nicht gefeit ist, und bei Starkregen ist Zeit der wichtigste Faktor. Darauf baut das Versickerungsprinzip im Gebiet auf.
Die Kernstadt wird um rund vier Meter erhöht, damit das Wasser in den grünen Ring abfließen kann – aber nicht direkt, sondern über eine Kaskade, die es zurückhält. Schon am Bauplatz soll möglichst viel versickern, gespeichert oder zurückgehalten werden, der Rest so lange wie möglich im Grünen Ring. Nur ein geringer, von der Stadt Wien vorgegebener Überschuss fließt langsam in die Kanalisation ab. Ziel ist, möglichst viel Wasser im Gebiet zu halten.
M. Spiegelgraber: Zusätzlich ist es ja auch ein sehr grüner Stadtteil, und Pflanzen brauchen Wasser. Ziel ist deshalb auch, das Wasser selbst zu verwenden, statt es abzuleiten – weil wir es für die grüne Infrastruktur brauchen.
Ein weiteres Schlagwort ist die “essbare Stadt”. Was ist damit gemeint?
A. Perlinger: Im Norden des Gebiets liegt der Zukunftshof, der nicht nur landwirtschaftlicher Betrieb, sondern auch Ankerpunkt für die Stadtlandwirtschaft sein soll. Im letzten Jahr haben wir dort eine Streuobstwiese gepflanzt – 111 Obstbäume, die für die Öffentlichkeit frei zugänglich sind. Jeder kann kommen und sich eine Birne, eine Kaki oder eine rote Maulbeere pflücken. Wir vertrauen darauf, dass es Respekt gibt vor dem, was andere geschaffen haben. Derzeit ist die Fläche noch eingezäunt, weil auch Hasen und Wildtiere dort leben, die die Bäume sonst abfressen würden.
Stichwort “Zukunftshof”: Dort sollen bestehende Gebäude umgenutzt werden, was auch das Climate Lab in einem Projekt mit Wohnfonds und Wirtschaftsagentur Wien beschäftigt. Was könnt ihr da jetzt schon verraten?
A. Perlinger: Der Zukunftshof wird derzeit vom Verein Zukunftshof genutzt. Als Wohnfonds Wien sind wir an einer nachhaltigen, stadtverträglichen Sanierung interessiert und haben aus dem Regierungsprogramm gemeinsam mit der Wirtschaftsagentur den Auftrag bekommen, ihn als Foodhub zu entwickeln – parallel dazu läuft eine Forschungsförderung, um zu klären, wie das organisatorisch und räumlich aussehen könnte. Ob und wie dabei saniert oder neu gebaut wird, zeigt sich erst in der nächsten Phase.
Was kann man sich unter diesem Food Hub vorstellen?
Ein Foodhub definiert, wie nachhaltige Lebensmittelproduktion und -herstellung aussehen kann, etwa über eine Art Labor vor Ort, ergänzt um Verkaufsräume für die breite Öffentlichkeit.
“Der Verkehr wird frühzeitig abgefangen und in die Hubs geleitet“
Immer wieder wird auch die Autofreiheit angesprochen. Wird in RothNEUSiedl wirklich kein Auto fahren?
A. Perlinger: Autofrei im wörtlichen Sinn funktioniert nicht – es gibt Müllabfuhr, Einsatzfahrzeuge, also braucht es Straßen. Diese verstehen wir aber grundsätzlich als öffentlichen Raum. Was es natürlich weiterhin braucht: Mobilität für eingeschränkte Personen oder etwa die Lieferung einer neuen Waschmaschine. Aber weitgehend ist das Gebiet verkehrsfrei. Es wird auch Mobility Hubs geben und eine Querung im Gebiet.
Wie kann man sich diese Mobility Hubs vorstellen?
M. Spiegelgraber: Mobility Hubs sind neben ihrer Funktion als Garage auch Zentren für Angebote wie Carsharing, Lastenräder und andere Mobilitätsformen für die letzte Meile. Eine Idee ist etwa, dass Zustelldienste zu den Hubs fahren und von dort mit kleinen, elektrischen Fahrzeugen weiterverteilen.
Fünf Mobility Hubs sind aktuell geplant, verteilt über das gesamte Gebiet und bewusst am Rand gelegen, damit man nicht quer durchs Gebiet fahren muss, um in eine Garage zu gelangen. Der Verkehr wird frühzeitig abgefangen und in die Hubs geleitet, von dort geht es mit alternativen Mobilitätsformen oder dem öffentlichen Verkehr weiter zur Wohnung – auf kurzem Weg, wie es dem Prinzip der Stadt der kurzen Wege entspricht.
Das setzt natürlich eine starke Öffi-Anbindung voraus. Wie wird der neue Stadtteil da angebunden sein?
M. Spiegelgraber: Die zentrale U-Bahn-Station liegt in der Mitte des Gebiets – das war in allen eingereichten Wettbewerbsbeiträgen so vorgesehen, dass die U-Bahn trichterförmig hereinkommt.
Der Boulevard hat zudem eine wichtige Erschließungsfunktion: Dort würde langfristig auch Raum für eine Stadtregiotram geschaffen, ähnlich der Badner Bahn, die aus dem südlichen Wiener Umland kommen und über die Schnellbahnstation Blumenthal eventuell weitergeführt werden könnte. Das ist aber noch Zukunftsmusik – städtebaulich ist der Raum dafür bereits vorgesehen.
Nun wurde der U-Bahn-Bau jedoch aus Budgetgründen verschoben. Gibt es dafür Alternativ- oder Zwischenlösungen?
M. Spiegelgraber: Wegen der aktuellen Budgetknappheit hat man sich für die erste Ausbauetappe mit rund 3000 Wohneinheiten auch Alternativen angeschaut: Für deren Erschließung soll der „Rothneusiedl Express“ eine hochrangige Buserschließung bieten – vom Kerngebiet über den Boulevard und die Himberger Straße bis zur Alaudagasse, wo man in rund zehn Minuten das hochrangige U-Bahn-Netz erreicht.
Rothneusiedl soll ja auch als Vorbild für künftige Projekte dienen. Gibt es konkrete Kennzahlen, anhand derer der Erfolg gemessen werden kann?
A. Perlinger:Wir sind gerade dabei, das aufzusetzen. Es gibt schon Ansätze, etwa in den Zielen 2025 oder den Zirkularitätsfaktor. Wir bauen aktuell auch ein Modell auf – denn wir können zwar oft sagen, wir bauen klimafit, aber wir müssen es auch nachweisen können. Daran arbeiten wir im Moment.
“Man weiß nicht, ob die Nachbarn in einer geförderten Wohnung wohnen”
Neben der ökologischen ist auch die soziale Komponente im zukunftsfitten Wohnbau ein Thema. Spiegelt sich das international angesehene Wiener Modell in Rothneusiedl wieder?
A. Perlinger: Die Stadt Wien hat vor rund sieben Jahren die Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“ eingeführt, die auch in diesem Gebiet zur Anwendung kommt. Wohnfonds Wien ist hier Grundeigentümer von rund 65 Prozent der Flächen. Rund 9.000 Wohneinheiten im Gebiet werden gefördert errichtet. Das zeigt, dass wir klar an die Wiener Tradition des sozial geförderten, leistbaren Wohnraums anknüpfen – Wohnraum, der für alle zur Verfügung steht, ohne dass Segregation entsteht.
Damit ist gemeint, dass es eine gute soziale Durchmischung gibt.
A. Perlinger: Genau, das ist generell ja ein großes Plus in Wien: Es gibt keinen Bezirk, der als besonders gut oder besonders schlecht gilt – das wird es auch hier nicht geben. Das zieht sich über das ganze Gebiet. Grundsätzlich weiß man nicht, ob die Nachbarn in einer geförderten Wohnung wohnen oder nicht, wenn man nicht darüber redet. Und genau das macht es aus.
Die Planungsphase des Projekts erscheint doch sehr lang. Ist das normal oder gab es besondere Hindernisse, die den Start verzögert haben?
A. Perlinger: Wir sprechen hier von einem neuen Stadtteil auf rund 124 Hektar, der sich naturgemäß nicht von heute auf morgen entwickeln lässt. Solche langen Zeiträume sind in Österreich normal: Die Seestadt etwa wurde in den 1990ern geplant, Baubeginn war erst 2013; das Nordbahnviertel, ebenfalls aus den 1990ern, befindet sich noch immer in Entwicklung.
Bis zum ersten Spatenstich braucht es viele aufeinander aufbauende Planungsstufen, die oft nicht parallel laufen können – wir sind damit weder langsamer noch schneller als andere Entwicklungsgebiete. Hinzu kommt, dass sich die Anforderungen zuletzt verändert haben, etwa durch Klimawandelanpassung, Boden- und Grundwasserschutz oder Biodiversität. Das früh mitzudenken, kostet zwar Zeit, kommt am Ende aber der Bevölkerung zugute.
Wie weit war die Öffentlichkeit an der Planung beteiligt? Gab es da auch Prozesse zur Bürgerbeteiligung – etwa für Anrainer oder Interessierte?
A. Perlinger: Es gab das Zukunftsteam, das aus 21 Personen besteht: sieben aus der direkten lokalen Umgebung, sieben aus dem Bezirk und sieben aus dem übrigen Wien – eine gute Durchmischung über alle geografischen Lagen, Altersgruppen und Geschlechter.
In der Jury, die letztlich das Siegerprojekt ausgewählt hat, waren Vertreter:innen des Zukunftsteams anwesend und haben aktiv mitgearbeitet.
Im Zuge der Bürger:innenbeteiligung sind auch zahlreiche Inputs aus der Bevölkerung eingegangen, über 80 Prozent davon konnten umgesetzt werden.
Immer wieder ist jetzt das Wort “Zukunft” gefallen. Gibt es Mechanismen, die absichern, dass auch über mehrere Wahlperioden hinweg sozialen und ökologischen konsistent geplant wird?
A. Perlinger: Ja – wir haben zu diesem Zweck den Rothneusiedl-Beirat gegründet, der bewusst mit Personen besetzt wurde, die schon in der Wettbewerbsjury saßen. Als Wohnfonds Wien setzen wir außerdem auf unsere etablierten qualitätssichernden Instrumente – Bauträgerwettbewerb, Grundstücksbeirat und Qualitätsbeirat. Auch der Rothneusiedl-Beirat ist so besetzt, dass sich Jury und künftige Qualitätssicherung personell überschneiden. Damit stellen wir Kontinuität zwischen der Wettbewerbsphase und den späteren Qualitätssicherungsverfahren her.
Araminta Perlinger ist Projektleiterin beim wohnfonds_wien und Prokuristin der für das Stadtentwicklungsprojekt RothNEUSiedl gegründeten Entwicklungs GmbH.
Marcus Spiegelgraber ist als Geschäftsführer der GmbH und im Immobilienmanagement der Wiener Netze GmbH tätig. Beide haben das ingenieurwissenschaftliche Studium der Raumplanung an der TU Wien abgeschlossen.
Im Projekt „Zukunftshof“ erarbeiten der Wohnfonds Wien und die Wirtschaftsagentur Wien gemeinsam mit dem Climate Lab und weiteren Konsortialpartnern eine nachhaltige, in den neuen Stadtteil integrierte Nutzung des ehemaligen Hascherhof-Areals – als Food Innovation Hub und zentralen Ort für ein nachhaltiges Miteinander in Wien.
Links: