Yasmin hat seit Jahren starke Regelschmerzen. So stark, dass sie manchmal nicht aus dem Bett kommt. „Das gehört halt dazu“, bekommt sie immer wieder zu hören. Anna geht mit Herzrasen, Übelkeit und Rückenschmerzen in die Notaufnahme. Einen Herzinfarkt vermutet niemand. Mariam ist seit Monaten so erschöpft, dass selbst alltägliche Aufgaben kaum noch möglich sind. Schon geringe Anstrengungen verschlimmern ihre Beschwerden. Hinzu kommen diffuse Schmerzen und Konzentrationsprobleme. Irgendwann lautet die Diagnose: Stress. Vielleicht auch Depression.
Frauen als klinischer Störfaktor
Die drei Frauen gibt es nicht wirklich. Ihre Geschichten aber schon. Tausendfach. Sie zeigen, was hinter einem Begriff steckt, der in den vergangenen Jahren immer stärker in den Fokus gerückt ist: der Gender Health Gap. Gemeint sind Unterschiede in der medizinischen Versorgung von Frauen – in der Forschung, der Diagnostik und der Behandlung. „Über Jahrzehnte wurde Medizin hauptsächlich an Männern erforscht. Männer nahmen an klinischen Studien teil, Männer wurden untersucht, Männer galten als Standardpatient“, erklärt Iris Schönherr, Innovationsmanagerin beim Future Health Lab.
Im Rahmen der Impact Days* 2026 moderierte Schönherr im Wiener Rathaus die Podiumsdiskussion „Closing the Gap in Women’s Health: Innovation, Investment and Impact“. Dort diskutierten fünf Speaker:innen über Innovationen in der Frauengesundheit. Im Fokus standen dabei ein besserer Zugang zur Vorsorge, Innovationen für bisher wenig erforschte Erkrankungen und Lösungen durch Zusammenarbeit.
Laut Schönherr seien Frauen in der Vergangenheit häufig von Studien ausgeschlossen worden. Etwa weil ihr Hormonzyklus als zu komplex galt oder weil mögliche Schwangerschaften als Risiko für die Studien angesehen wurden. Dabei betreffen manche Erkrankungen ausschließlich Frauen. Andere kommen bei beiden Geschlechtern vor, zeigen bei Frauen aber andere Symptome und werden deshalb oft später erkannt.
Der lange Weg zur Diagnose
Ein bekanntes Beispiel ist Endometriose. Rund 6,4 Prozent der Frauen in Österreich haben eine diagnostizierte Endometriose. Tatsächlich dürften laut Schönherr aber rund zehn Prozent betroffen sein. Trotzdem dauert es häufig sieben bis zehn Jahre, bis die Erkrankung diagnostiziert wird. Viele Betroffene hören in dieser Zeit immer wieder, starke Regelschmerzen seien normal. Dabei sind sie das nicht.
Endometriose entsteht, wenn gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst. Das kann Entzündungen und chronische Schmerzen verursachen. Betroffen sein können neben der Gebärmutter auch andere Organe. Dass die Diagnose oft Jahre dauert, liege unter anderem daran, dass Beschwerden häufig nicht ernst genommen würden. „Du kommst und sagst, ich habe Schmerzen. Und dann heißt es: Das sind halt Periodenschmerzen. Oder: Nehmen Sie die Pille“, sagt Schönherr.
Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden Frauen oft später diagnostiziert, weil sich ein Herzinfarkt bei ihnen häufig anders äußert als bei Männern. Etwa durch Übelkeit, Atemnot oder Schmerzen im Rücken, Nacken oder Kiefer. Ähnliches gilt für ME/CFS, eine chronische Erkrankung mit starker Erschöpfung und einer Verschlechterung der Beschwerden nach geringer Anstrengung. Auch diese Krankheit betrifft häufiger Frauen und wird oft erst spät erkannt.
Medical Gaslighting als Problem
Häufig werden Beschwerden zudem nicht ernst genommen oder vorschnell psychischen Ursachen zugeschrieben. Viele Frauen relativieren ihre Beschwerden in der Folge auch selbst. Dieses Phänomen wird häufig als Medical Gaslighting bezeichnet. Gesellschaftliche Rollenbilder verstärkten dieses Problem zusätzlich.
Schönherr kritisiert, dass viele Frauen selbst nach Lösungen suchen müssen, wenn sie im Gesundheitssystem keine Antworten finden. Dadurch entstehe ein wachsender Markt für Gesundheits- und Wellnessprodukte, der sich gezielt an Frauen richtet. Der Nutzen vieler Produkte ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt
Umso wichtiger seien seriöse Informationen und eine medizinische Versorgung, die Betroffene ernst nimmt. Einen Ansatz dafür sieht Schönherr im Projekt „Gesundheitsbotschafterinnen“ des Future Health Lab. Frauen mit Migrationshintergrund informieren dort in ihren Communities über onkologische Vorsorgeangebote und Früherkennungsprogramme.. „Es ist wichtig, dass Betroffene stärker eingebunden werden. Man sollte wirklich zuhören, Lebensrealitäten verstehen. Da sollte Innovation ansetzen“, sagt Schönherr.
Erste Fortschritte in Österreich und weiterer Handlungsbedarf
Trotz der bestehenden Probleme tut sich auch in Österreich beim Thema Endometriose etwas. Der Menstruationsgesundheitsbericht 2024 des Gesundheitsministeriums liefert erstmals einen umfassenden Überblick über die Menstruationsgesundheit in Österreich. Er zeigt unter anderem, wie viele Frauen von Endometriose betroffen sind und wie lange viele von ihnen auf eine Diagnose warten. Um die Versorgung zu verbessern, wurde in Wien die Wiener Endometriose-Plattform eingerichtet. Sie soll die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten stärken, die Aufklärung fördern und dazu beitragen, dass Endometriose künftig früher erkannt wird.
Trotz dieser Fortschritte sieht Schönherr weiterhin großen Handlungsbedarf. „Frauengesundheit wird wie ein Nischenthema behandelt“, bemängelt sie. Schließlich betrifft das Thema die Hälfte der Bevölkerung und hat Auswirkungen auf Familien und die gesamte Gesellschaft. Und: Frauen leben zwar länger als Männer, verbringen laut Schönherr in Österreich jedoch rund 25 Prozent mehr Lebensjahre in schlechter Gesundheit.
Diese Zahl zeigt, dass in der Frauengesundheit noch immer großer Handlungsbedarf besteht. Es braucht mehr geschlechtersensible Forschung, bessere Daten und eine Gesundheitsversorgung, die Frauen ernst nimmt. Schließlich ist Frauengesundheit, wie Schönherr betont, „mehr als reproduktive Gesundheit und Periodentracking“.
Die Impact Days bringen Jahr für Jahr Unternehmer:innen, Investor:innen und Zukunftsdenker:innen zusammen, um über Innovationen und gesellschaftliche Herausforderungen zu diskutieren.
Das Future Health Lab ist das Innovationszentrum für die Gesundheitsversorgung der Zukunft und Teil der Impact Hub Vienna Familie.