Nur 7 % der globalen Wirtschaft sind zirkulär. Mehr als 90 % aller Ressourcen, die wir nutzen, enden als Müll. Es sind bedrückende Zahlen, mit denen Ana Simic von Propeller – AI Consultancy ihre Keynote beim Smart City SuMMit eröffnet. Es sind zugleich aber auch Zahlen, die zeigen, welches wirtschaftliche Potenzial in den Themen ReUse und Co. stecken. Schließlich ist Abfall nichts anderes als Rohstoff am falschen Ort. Über 90% dieses leicht verfügbaren Rohstoffes bleiben demzufolge derzeit noch ungenutzt.
Ein großer Teil der ökonomisch genutzten Ressourcen ist in unseren großen Städten gebunden und konzentriert. Deshalb sind gerade die Millionenstädte wie Wien der richtige Ort für Pioniere, Leuchtturmprojekte und – natürlich am wichtigsten – das Upscaling der zirkulären Transformation. Wie diese Transformation in Wien nicht nur gelingen, sondern vor allem auch beschleunigt werden kann, ist auch die zentrale Frage beim diesjährigen Smart City SuMMit im Rahmen der ViennaUp, dem Start-up-Festival der Wirtschaftsagentur Wien.
AI als “Circluar City Enabler”?
Wenn das mit der zirkulären Stadt so einfach ist, warum haben wir sie dann nicht schon längst gebaut? Auf der Suche nach dem Missing Link (oder Loop) rückt schnell der Informationsbedarf in den Fokus. Um Produkte, Teile oder enthaltene Materialien nutzbar machen zu können, müssen die entsprechenden Daten und Angaben verfügbar sein. Hier klafft nach wie vor eine große Lücke – auch wenn von Seiten der EU Lösungen wie der digitale Produktpass vorangetrieben werden.
Große Hoffnungen werden daher einmal mehr in die Fortschritte mit künstlichen Intelligenzen gesetzt. AI könnte es uns erlauben, Gegenstände und Materialien in den Bruchteilen einer Sekunde zu identifizieren und zu sortieren. Das hätte auch den Vorteil, dass mit entsprechender Infrastruktur Recycling und ReUse genauso einfach wie Wegwerfen werden könnten. Als Beispiel nennt Simic dabei die Stadt Aarhus in Dänemark. Mit “smart reverse-vending machines” konnten dort über 2 Jahre hinweg 1.5 Mio. wiederverwendbare Becher gesammelt und wiederverwendet werden.
Ganz allgemein kann AI unsere Städte auf 4 Ebenen unterstützen. Sie erlaubt es uns, riesige Mengen an Materialien und Objekten in Echtzeit zu identifizieren und korrekt weiterzuverarbeiten. Zudem kann sie Vorhersagen treffen, wo wie viel Abfall zu erwarten ist und wo die Restwertstoffe gebraucht werden. Mit guten Vorhersagemodellen lässt sich der logistische Aufwand optimieren – laut Simic können so bis zu 37% der Transportweite und 13% der Kosten gespart werden. Mit digitalen Plattformen können zudem neue Märkte für Restwertstoffe entstehen und wachsen – ein potentielles Milliardengeschäft. Und schließlich können die gesammelten Daten dazu verwendet werden, die zirkulären Prozesse weiter zu optimieren.
Geschäftsmodelle als Accelerator
Damit die zirkuläre Transformation so richtig Fahrt aufnehmen kann, braucht es aber mehr als technologische Fortschritte. Es braucht eine neue Generation von erfolgreichen und zugleich nachhaltigen Geschäftsmodellen, die Investitionen anziehen und ein rasches Wachstum ermöglichen können. Einen Kompass für die Anforderungen an diese Geschäftsmodelle des 21. Jahrhunderts hat Marina Haydn von Donut Economy Vienna anzubieten. Der Verein beschäftigt sich mit Doughnut Economics – einem Wirtschaftsprinzip, bei dem die gesellschaftlichen Bedürfnisse erfüllt werden, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten.
Gemessen an den Maßstäben der Doughnut Economics lässt unser aktuelles Wirtschaftssystem sehr zu wünschen übrig. Obwohl 6 von 9 planetare Grenzen teils massiv überschritten werden, kann praktisch kein Bedürfnis vollständig befriedigt werden. Wie also müsste ein Geschäftsmodell aussehen, das den Ansprüchen gerecht werden kann? Als Beispiel nennt Haydn das United Repair Centre in Amsterdam und London. Das Unternehmen repariert hochwertige Kleidungsstücke und kann auf eine ansehnliche Kundenliste verweisen, die große Marken wie Patagonia, North Face oder Levi’s umfasst.
Circular Business in Vienna
Auf der Suche nach funktionierenden zirkulären Geschäftsmodellen muss man den Blick aber gar nicht in die Ferne schweifen lassen. Ein Unternehmen, das sich neben Deutschland auch in Wien der Herausforderung stellt, mit zirkulären Ansätzen in der Baubranche zu bestehen, ist Concular. Der Marktführer für zirkuläres Bauen und Urban Mining verweist auf über 1.000 Projekte, bei denen Bestandshalter, Asset Manager und Hersteller bei der Umsetzung einer zirkulären Strategie unterstützt wurden.
Wie dieser Erfolg gerade in der sonst oft noch sehr linear und konservativ agierenden Baubranche möglich ist, erklärt Kathrina Rieger. Ein Schlüssel liegt dabei – wenig überraschend – in der voranschreitenden Digitalisierung. Aber auch ein schlichter Mindset-Shift kann schon viel bewirken. Es braucht den Mut, als Bauherr zirkuläres Denken zu wagen. Profitieren können alle Seiten: auf der einen Seite können Entsorgungs- und Rückbaukosten reduziert und auf der anderen Seite Materialien im Schnitt um rund 20 % günstiger bezogen werden.
Dass es in Wien auch ganz allgemein nicht an Ideen, Innovationskraft und Pionier:innen mangelt, zeigt sich im zweiten Teil des Smart City SuMMits, bei dem 14 ausgewählte Start-ups ihre Geschäftsmodelle für die zirkuläre Stadt vorstellen. Dabei beeindruckt vor allem die Vielfalt der Konzepte für die Herausforderungen einer Millionenstadt wie Wien.
Reverse Pitch – Konzern sucht Lösung
Innovation und neue Ideen können aber auch anders rum entstehen. Die Reverse Pitches von Wien IT, VIECON, WSE und der Wiener Stadtbaudirektion drehen den Spieß um. Anstelle von Start-ups präsentieren große Unternehmen und Organisationen ihre realen Herausforderungen – und entsprechende Lösungsideen. Wie kann es etwa gelingen, Arbeitslaptop, Arbeitshandy und private Smart-Phones in einem Gerät zu vereinen? Wie könnten zirkuläre Reinigungslösungen für Unternehmen aussehen und wie lässt sich die “Urbane Mine” am besten prospektieren?
Wenn du einen guten Lösungsansatz zu einem dieser Probleme kennst, dann schreib gerne an fiona.hahn@climatelab.at oder an hello@climatelab.at.
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