LOOP-it: Matratzen-Recycling in Österreich wird Realität

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Anna Hitzinger

Bis zu 370.000 Stück pro Jahr -  knapp 40% aller Matratzen, die in Österreich anfallen, können im frisch eröffneten  Matratzen-Recyclingwerk von LOOP-it, dem Joint Venture von NEVEON und BRANTNER green solutions, verarbeitet werden. Wie es dazu kam, warum die neu geschaffenen Jobs nicht ins Ausland verschwinden und welche Rolle KI dabei spielt, hat uns Michael Bednarek, Managing Director von LOOP-it und Transformation Manager bei NEVEON, im Interview verraten.

1 Million Matratzen sind es, die in Österreich bisher jährlich verbrannt wurden. Wie viele davon könnt ihr jetzt, kurz nach dem Start, schon Richtung Kreislaufwirtschaft umleiten?
Aktuell stehen wir bei ungefähr 500 Stück pro Tag. Pro Jahr wären das etwa 110.000 Matratzen.

Das ist beachtlich, ist aber vermutlich noch nicht das Ende der Fahnenstange, oder?
Natürlich nicht. Wenn wir noch an ein paar Stellschrauben drehen und auf ein Dreischichtmodell umstellen, könnten wir 350-370.000 Stück jährlich erreichen. Damit könnten wir 35 bis 40% aller in Österreich weggeworfenen Matratzen weiterverarbeiten.

Von welchen Materialien reden wir genau, die im Kreislauf gehalten werden?
Momentan sind das vor allem Schaumstoffe, Latex und Metalle aus den Federkernen der Matratzen. 78% der Matratzen-Materialien können wiederverwendet werden. Wovon der Großteil von den Schaumstoffen und Metallen kommt.

Ein wichtiger Aspekt der Kreislaufwirtschaft ist die Verbesserung der Öko- und CO2-Bilanz von Produkten. Habt ihr konkrete Zahlen, wie viel CO2 ihr effektiv einspart?
Im Vergleich zur herkömmlichen Verbrennung spart der LOOP-it Prozess 87 % an CO₂-Emissionen ein. Gemeinden, Wertstoffhöfe oder Sammler haben da mit uns ab sofort eine echte Alternative zur thermischen Verwertung, mit der sie ihre eigene Bilanz verbessern können.

“Die strikte Abfallendeverordnung ist die mit Abstand größte Hürde”

In Österreich ist LOOP-it sicherlich als Pionier der Wirtschaftswende zu sehen. Wie kam es zu dieser Gründung?
Die Gründung geht direkt auf einen Strategieprozess zurück: Bei NEVEON möchten wir Rohstoffe im Kreislauf führen, um aus alten Materialien wieder neue Produkte herzustellen. Das ist in unserer Nachhaltigkeitsstrategie fest verankert.

War das wirklich so einfach oder gibt es auch Learnings, die du für den Einstieg in die zirkuläre Transformation weitergeben kannst?
Ich glaube, zu Beginn muss man sich als Großunternehmen eingestehen, dass man nicht alles selbst kann. Denn zu denken, dass man Kreislaufwirtschaft alleine möglich machen kann, ist hinderlich und nicht realistisch. Man muss sich außerdem auf Partner einlassen. Als Schaumstoffhersteller haben wir die Expertise, was Matratzen angeht und wie die Chemie dahinter funktioniert, aber wir wussten nichts über die Abfallwirtschaft in Österreich.

So geht es ganz vielen produzierenden Unternehmen. Sie kennen einerseits die Werkstoffe, mit denen sie arbeiten. Andererseits wissen sie jedoch nicht, was am Ende des Lebenszyklus mit dem Material passiert. Sich einzugestehen, etwas nicht zu können, war ein großes Learning.

Dabei hat ja sicher auch die ÖMA, die Österreichische Matratzen Allianz, wo du Teil des Vorstandes bist, eine Rolle gespielt, oder?
Die ÖMA hat es uns ermöglicht, gleich zu Beginn des Gründungsprozesses eng mit Stakeholdern im Austausch zu sein und zu erkennen, dass ein solches Service auch von der Branche gewünscht ist. Die ÖMA ist für uns der ideale Platz, um sich mit anderen auszutauschen und Kontakte zu pflegen, die direkt oder indirekt an dieser Wertschöpfungskette teilnehmen.

Was waren eure Erfahrungen mit Behörden und Regulatorik im Gründungsprozess?
In Österreich gibt es eines der striktesten Abfallwirtschaftsgesetze. Demnach verliert ein Abfall selbst nach einem durchlaufenen Recyclingprozess nicht automatisch die Abfalleigenschaft.  Was wiederum bedeutet, dass es dadurch in der EU nicht frei transportiert werden darf. Unternehmen, die ein internationales Produktionsnetzwerk haben, sind somit nicht in der Lage, ohne Komplikationen das recycelte Material selbst wieder einzusetzen.

Die strikte Abfallendeverordnung ist die mit Abstand größte Hürde, die wir in Österreich haben und auch in den anderen europäischen Staaten nicht unbedingt leichter ist. Wahre Kreislaufwirtschaft funktioniert nur dann, wenn es einen freien Fluss von sekundären Rohmaterial gibt. Ansonsten wird es schwierig, dieses Konzept zu realisieren.

Klingt so, als müsste hier auch von Seiten der Politik etwas getan werden. Was braucht es aus deiner Sicht?
Dieses Gesetz sollte dringend reformiert werden, sodass Abfälle nach dem Recyclingprozess als neues Produkt oder sekundäres Rohmaterial gelten und frei in der EU transportiert und weiterverarbeitet werden dürfen.

“Über 300 Kilometer sind da nicht mehr ökonomisch sinnvoll”

Diskutiert wird ja auch immer wieder eine Inverkehrbringer-Gebühr für Matratzen. Das ist eine Abgabe, mit der Hersteller die spätere Sammlung und das Recycling von Matratzen finanzieren. Würde euch das helfen?
Ja, das würde uns sehr helfen, und nicht nur uns. Das hilft der kompletten Wertschöpfungskette vom Sammler, Sortierer und Recycler bis zum Endverwerter des Materials. Insbesondere könnten lokal produzierte Matratzen mit geringen Co2-Emissionen oder nachhaltigen Designkriterien profitieren.  Hier gibt es viel mehr Spielraum, was die Preisgestaltung anbelangt und momentan sind die Ressourcen knapp bemessen.

Dabei gibt es ja auch viel zu gewinnen. Zum Beispiel können Jobs in der produzierenden Industrie dauerhaft nach Österreich zurückkommen. Ist es überhaupt möglich, ein Recyclingwerk wie LOOP-it ins ferne Ausland zu verlagern?
Sehr deutliches Nein. Matratzen können aufgrund ihres großen Volumens nicht hunderte Kilometer durch Europa transportiert werden. Beförderungen über 300 Kilometer sind in diesem Sektor nicht mehr ökonomisch sinnvoll.

“Wenn man an Matratzenrecycling denkt, soll man zukünftig an LOOP-it denken”

Heißes Thema und großer Hoffnungsträger ist zur Zeit die künstliche Intelligenz. Setzt ihr KI in eurem Prozess ein und falls ja, wie genau?
Ja, und zwar ganz zu Beginn unserer Prozesskette in der Anlage. Dort sind Kameras, die die Matratze wiegen und vermessen. Sie werden auch auf Störstoffe überprüft. Es wird etwa geprüft, ob die Matratze einen Federkern enthält oder nicht. Außerdem erkennt die KI den Reißverschluss der Matratze und gibt dann den nachgelagerten Maschinenteilen die Information, wie hoch die Säge schneiden darf, damit es zu keiner Funkenbildung beim Aufschneiden kommt. Außerdem werden die Matratzen auf Feuchtigkeit hin analysiert. Sind sie zu feucht, werden sie aussortiert.

Wie wirkt sich der Einsatz von KI bei euch auf Jobs aus? Werden diese verändert oder doch ersetzt?
Wenn es wirklich so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, dann ist KI ein Treiber, der es ermöglicht, durch effizientere Prozessgestaltung noch mehr Jobs zu schaffen, da das Businessmodell dann besser funktioniert.

Also ein Enabler. Was sind eure Next Steps und wo seht ihr euch 2030?
Konkret planen wir, die Produktionsauslastung des Werks zu erhöhen und so nahe wie möglich an unsere Maximalauslastung zu kommen. Unsere langfristige Vision ist, ein etablierter Spieler am Markt zu werden. Wenn man an Matratzenrecycling denkt, soll man zukünftig an LOOP-it denken. Zudem haben wir den Anspruch, dass wir die höchste Reinheitsstufe des Materials erzielen, damit wir uns für die chemische Industrie als “go-to-Player” etablieren.

Michael Bednarek ist seit August 2025 Geschäftsführer der LOOP-it GmbH, und seit 2021 Teil von NEVEON einer Tochter der Greiner-Gruppe, und dort zuständig für Kreislaufwirtschaftsmodelle.

Links:
LOOP-it
NEVEON
BRANTNER green solutions
Österreichische Matratzen Allianz

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