Entscheidet sich Europas Energiezukunft am Netz?

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Elisabeth Doris Rauter

Die Energiewende ist Infrastrukturaufgabe und wirtschaftliche Chance zugleich. Beim Panel „How Europe Wins: Meeting the Grid Challenge“ im Rahmen der Impact Days 2026 diskutierten Expert:innen, wie Europa Netze, Speicher, digitale Lösungen und Regulierung zusammendenken muss, um den Umbau erfolgreich voranzutreiben.

Die wahre Bewährungsprobe beginnt dort, wo erneuerbarer Strom nicht nur erzeugt, sondern auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar gemacht werden muss. Ob Europas Versorgungsbasis dafür gerüstet ist, entscheidet sich also nicht nur an der Zahl der Windräder oder Solaranlagen, sondern an der Fähigkeit, Netze, Märkte und politische Entscheidungen schnell genug an ein neues System anzupassen. Diese “Netzfrage” stand auch im Fokus des Panels „How Europe Wins: Meeting the Grid Challenge“ bei den Impact Days 2026.

Der frühe Vogel exportiert

Dass gerade die Energiewende eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit ist, stellte Christiane Brunner, CEO von Climate Business Consulting fest und betonte damit den wirtschaftlichen Zusammenhang. Die Investitionen in neue Versorgungssysteme und Infrastruktur sind weltweit im Steigen begriffen. Europa darf diesen Wandel nicht nur passiv begleiten, sondern sollte ihn mitprägen. Reibung und Zielkonflikte seien dabei ein natürlicher Teil des Prozesses: „Spannungen sind in Zeiten der Transformation normal.“

Eine bewusste Entscheidung für eine europäische Führungsrolle forderte auch Lorena Skiljan, CEO und Co-Founderin von nobile. Denn wer früh praxistaugliche Technologien entwickle, könne diese später auch exportieren. Die Nachfrage dazu gibt es, was aber fehlt sind klare Entscheidungen.

Wo die Energiewende ins Netz geht

Der Knackpunkt der Energiewende ist jedenfalls das Stromnetz, das mehr als nur ein technisches Rückgrat ist. Manuel Heckmann, Managing Partner von Lineup Holdings, bezeichnete es in der Debatte auch als das „Nervensystem“ der Energiewende. Der Weg in die erneuerbare Zukunft benötige neben zusätzlicher Erzeugung auch mehr Flexibilität: im Verbrauch, in der Speicherung, im Handel und über Ländergrenzen hinweg. Der Kontinent müsse stärker „als europäischer Markt“ denken.

Dabei sei auch eine zeitliche Dimension zu beachten, wie Clemens Wasner, Chairperson und Founder von AI Austria, ergänzte. In einem System, das stärker von Sonne, Wind und Wetter abhängt, müsse Energie künftig „durch die Zeit bewegt werden“. Speicher, bessere Prognosen und intelligente Steuerung werden damit zu zentralen Bausteinen, um Angebot und Nachfrage verlässlicher aufeinander abzustimmen. Technisch sei vieles bereits möglich; nun müsse es in die breite Anwendung kommen.

Wirtschaftlichkeit und Überzeugungsarbeit für Umsetzung entscheidend

Jedoch bleibt die Gretchenfrage, wie man europaweit in eine breite Umsetzung kommen kann. Aus Investorensicht, so Heckmann, sind vor allem Ansätze interessant, die schon heute konkrete Probleme lösen und bestehende Systeme effizienter machen, während sie auch wirtschaftlich Sinn ergeben. „Es geht nicht darum, Gutes für die Welt zu tun – das ist eher ein positiver Nebeneffekt. Im Mittelpunkt steht Effizienz.“ Genau darin liegt eine Chance für Innovation bei digitaler Steuerung, Speichertechnologien, Effizienzlösungen und auch für ganz neuartige Geschäftsmodelle.

Dass es an Ideen nicht mangelt, wurde im Panel mehrfach deutlich. Wasner verwies etwa auf internationale Energie-Start-up-Programme wie Free Electrons, die junge Unternehmen mit führenden Energieversorgern zusammenbringen. Solche Programme zeigen, dass Innovationen vorhanden sind – aber oft erst in Pilotprojekten, bestehenden Infrastrukturen und realen Marktbedingungen beweisen müssen, dass sie skalierbar sind. Gleichzeitig bleiben viele Entwicklungen außerhalb von Fachkreisen wenig sichtbar. Energie ist komplex, technisch und schwer zu erzählen. Es braucht Übersetzungsarbeit zwischen Start-ups, Wissenschaft, etablierten Unternehmen, Politik und Öffentlichkeit.

Zwischen alten Strukturen und neuen Regeln

Dass sich trotz vielversprechender Lösungen vieles langsam bewegt, liegt  auch an gewachsenen Strukturen. Laut Skiljan ist die Energiewirtschaft traditionell stark konzentriert und von milliardenschweren Projekten, langen Planungshorizonten und oft auch männlich geprägt. Kleinere, flexiblere oder dezentralere Ansätze stoßen dadurch nicht selten auf Widerstand. Das alte Marktmodell wirke manchmal „wie eine Wand“ – und funktioniere in dieser Form nicht mehr.

Eine zentrale Rolle spielt Regulierung. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, aber neue Regeln dürfen dabei Innovation nicht ausbremsen. Wasner plädierte für mehr Flexibilität bei großen Entscheidungen zur Zukunft der Versorgungsstruktur, Heckmann für eine laufende Anpassung regulatorischer Rahmenbedingungen. Skiljan machte hingegen deutlich, dass neue Regeln nicht nur einigen einzelnen, großen Akteuren nützen dürfen.

Gewinnen – aber nur gemeinsam

Wie sich unser Kontinent im Rennen um die Rolle als führender Innovationsstandort behaupten kann, hängt also nicht von einer einzelnen Technologie ab. Vielmehr geht es um ein Zusammenspiel aus Versorgungsbasis, Speichern, Digitalisierung, Regulierung und Europas Verständnis als ein gemeinsamer Markt. Der Weg dorthin wird kein schneller Sieg. Demokratische Prozesse sind mühsam und komplex. Sie bieten aber auch einen Rahmen, um gemeinschaftlich zu gestalten. Clemens Wasner stellte am Ende die passende Frage: „Gibt es überhaupt einen Gewinner, wenn wir alle gewinnen könnten?“ Europas Energiezukunft kann damit zu einer Frage erfolgreicher Zusammenarbeit werden.

Podium:

  • Christiane Brunner, CEO von Climate Business Consulting
  • Clemens Wasner, Chairperson und Founder von AI Austria
  • Manuel Heckmann, Managing Partner von Lineup Holdings
  • Lorena Skiljan, CEO und Co-Founderin von nobile

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