Geht WM auch ohne Eigentor fürs Klima?

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Martina Scheuch und Markus Palzer-Khomenko

Die laufende Fußball-Weltmeisterschaft hat viele Superlativen – leider auch bei den Emissionen. Um Nachhaltigkeit bemühte Fußballfans bringt das in ein Dilemma und zu der Frage: Geht’s auch anders?

Österreich ist nach 28 Jahren wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei. Nach einem nervenaufreibenden Spiel gegen Algerien steht man bereits im Sechzehntelfinale. Die einen feiern das, den anderen ist es eher egal. Dazwischen wächst aber auch die Kritik an der FIFA, denn das diesjährige Turnier der Superlativen hat eine historisch schlechte Klimabilanz.

Mehr Teams, mehr Emissionen, weniger Spaß?

Mit der Ausweitung von 32 auf 48 Teams in der Gruppenphase ist die diesjährige WM die größte aller Zeiten. Die höhere Anzahl an Teams bringt zwar mit insgesamt 104 Spielen mehr Spielminuten, Anpfiffe und Tore – aber nicht unbedingt mehr Spannung. Mit der Qualifikation für die besten Gruppendritten und einer neuen Sechzehntelfinal-Runde wird das Turnier eher unübersichtlicher. Amtierender Weltmeister Argentinien etwa hat dabei einen einfachen Weg –  zumindest bis ins Halbfinale, wo immerhin Brasilien lauern könnte.

Aber immerhin: Die FIFA reagiert auch auf die fortschreitende Klimaerhitzung. Für die Spieler wurden erstmals in der Geschichte des Turniers offizielle Trinkpausen eingeführt (auch bei kühlen Temperaturen). Die Klimabilanz wird das zwar nicht verbessern – zumindest aus Sicht kritischer Beobachter:innen bieten sich so aber weitere Fenster für Werbeeinschaltungen. Es darf bezweifelt werden, dass das den Fans gefällt.

Zwischen Anspruch, Anschein und Wirklichkeit

Dabei hatte die FIFA einst große Ambitionen verkündet. Als erste klimaneutrale WM der Geschichte bewarb man bereits die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Die Schweizerische Lauterkeitskommission sah das allerdings anders und befand die Behauptung in einem Beschwerdeverfahren für irreführend und unsubstantiiert. Über die aktuelle WM wagt die FIFA dergleichen nicht mehr zu behaupten, allerdings möchte sie bis 2030 ihre Treibhausgasemissionen halbieren und bis 2040 klimaneutral sein. Das hat sie zumindest mit dem Beitritt zum UN Sports for Climate Action Framework zugesichert. Schlüssig ist in dieser Hinsicht weder die Ausweitung des Turniers, noch die Wahl der (teils fossilen) Sponsoren. Die Einhaltung dieser Ziele ist laut Expert:innen aus jetziger Sicht völlig illusorisch.

Allein die Wahl der Austragungsorte, die sich über den ganzen nordamerikanischen Kontinent verteilen, sorgt für regen Flugverkehr – nicht nur der Mannschaften, sondern auch der Fans. Nicht zuletzt deshalb ist es auch die (vorerst) umweltschädlichste WM aller Zeiten. Berechnungen der Scientists for Global Responsibility zeigen: Mit 9,02 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten (tCO2e) verursacht das Turnier um 92 % mehr Treibhausgasemissionen als der Durchschnitt der Turniere in den Jahren 2010-2022. Der Großteil, 7,72 Mio. tCO2e, entfällt dabei auf den Flugverkehr. Zum Vergleich: Das entspricht etwa dem Dreifachen des gesamten Wiener Verkehrssektors in einem Jahr.

Auf die Vergabe kommt es an

Dabei gäbe es genug Möglichkeiten zu zeigen, dass man Nachhaltigkeit ernst nimmt. So könnten etwa die Vorgaben für Stadiengrößen gesenkt werden, damit mehr bestehende Anlagen für die Austragung in Frage kommen. Verbindliche Standards nach dem GHG-Protokoll oder der ISO 20121 könnten eingeführt werden. Damit würden unabhängige Drittprüfungen die fragwürdigen Selbstprüfungen ersetzen. Dass das nicht gemacht wird, ist keine Frage der fehlenden Mittel – die FIFA verfügt für 2023 bis 2026 über ein Budget von mehr als elf Milliarden Dollar.

Das größte Potenzial besteht aber zweifelsohne in der Wahl der Austragungsorte. Länder mit bestehenden Stadien, gut ausgebauten Öffis und hohem erneuerbaren Anteil im Strommix haben die beste Ausgangslage. Je mehr und besser mit Bus und Bahn zwischen den WM-Stadien gereist werden kann, desto weniger Flugmeilen fallen an. Auch die Größe der Stadien und Zahl der Spiele könnte mit Blick auf die Klimabilanz überdacht werden – zumindest bis die notwendigen Technologien für tatsächlich klimaneutrale Flugreisen in der Breite vorhanden sind.

Lösungen am Horizont

An Lösungen für nachhaltigere Events und Reisekonzepten wird auch in der Climate Lab Community gearbeitet. Vor einiger Zeit haben wir dazu mit Vionmo gesprochen. Das Start-up  unterstützt Tourismus-Verbände und Eventveranstalter bei der Entwicklung klimafreundlicher Mobilitätskonzepte. Ein prominentes Beispiel ist dabei auch eine österreichische Großveranstaltung: der Vienna City Marathon.

Gerade für den Flugverkehr führt jedoch kein Weg an technologischen Lösungen vorbei. Hier bleibt es spannend, ob die Fortschritte in der Batterietechnologie so rasant weitergehen wie bisher. Zumindest für Kurzstreckenflüge scheint eine Elektrifizierung inzwischen in greifbare Nähe zu kommen. Langstreckenflüge werden hingegen eine andere Lösung benötigen: Hier sind E-Fuels und grüner Wasserstoff am vielversprechendsten. Diese möglichen Alternativen zu Kerosin haben auch das Innovationsteam des Climate Lab bereits in mehreren Projekten beschäftigt. Trotz der geringeren Effizienzen und hohen Kosten sind sie aktuell die besten Optionen, wenn es um den klimaneutralen Langstreckenflug der Zukunft geht.

Heute WM genießen, morgen anpacken

Den klimabewussten Fußballfans wollen wir trotz allem raten: Genießt die WM. Die Spiele finden statt, egal ob ihr im Public Viewing dabei seid oder demonstrativ weg seht. Aber nach der WM ist vor der WM – und ein guter Zeitpunkt, um Clubs, Funktionär:innen, Wirtschaft und Politik daran zu erinnern, dass wir gerne noch viele weitere Weltmeisterschaften erleben wollen. Und dazu braucht es ehrliche Bemühungen um echte Nachhaltigkeitskonzepte.

 

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Quellen

Titelbild: by freepik

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