Wir müssen lernen, mit der KI zu leben

‏‏‎ ‎|‏‏‎ ‎Stephanie Bergwinkl

Frauen im Bereich der künstlichen Intelligenz, generative Systeme in der Baubranche und die Frage: Wer behält die Kontrolle? Dr. Isabella Hinterleitner erzählt, wie Women in AI Austria das FFG-Projekt KRAISBAU unterstützt, welche Chancen generative KI bietet – und warum Menschen auch in Zukunft das letzte Wort behalten müssen.

Du arbeitest seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kognitionswissenschaft, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz. Wann hat deine Faszination für KI begonnen?
Mein Einstieg geht auf mein Studium vor rund 20 Jahren zurück, in einer Zeit, als Suchmaschinen wie Google gerade ihren Durchbruch hatten. Über medizinische Informatik kam ich direkt zu praktischen KI-Anwendungen. 2010 bin ich in den Bereich automatisiertes Fahren eingestiegen, mit Schwerpunkt Computergrafik. Generative KI gab es damals noch nicht, aber Deep Learning war schon auf dem Vormarsch.

Mittlerweile bist du Vorstandsmitglied von Women in AI Austria. Wie bist du zu diesem Verein gekommen – und welche Rolle spielt ihr aktuell beim Projekt KRAISBAU?
Ich war von Anfang an dabei, in den Vorstand kam ich 2022. Women in AI Austria will Frauen in der KI stärken und sichtbar machen. Zu Beginn ging es vor allem darum, eine kritische Masse an Menschen zu finden, die sich für das Thema begeistern. Daraus entstand eine kleine Gruppe von etwa zehn bis fünfzehn Personen, die im Laufe der Zeit immer weiter gewachsen ist. Besonders in Oberösterreich hat sich inzwischen eine starke regionale Community entwickelt.

Beim FFG-Projekt KRAISBAU unterstützen wir vor allem bei rechtlichen Fragestellungen und beim Wissenstransfer: komplexe Inhalte verständlich aufbereiten, Grafiken erstellen und unser Netzwerk einbringen. So helfen wir, die Baubranche für den Einsatz von KI zirkulär und nachhaltig zu öffnen.

In den letzten zwei Jahren hat das Thema durch generative KI einen enormen Aufschwung erlebt. Das Interesse am Verein ist deutlich gestiegen, und viele unserer Mitglieder werden inzwischen regelmäßig von Medien angefragt.

„Wenn wir keine Juniors mehr ausbilden, fehlen uns später die Seniors“

Welche Risiken siehst du durch die rasante Verbreitung generativer KI?
Ein zentraler Punkt sind datenschutzrechtliche Herausforderungen. Besonders problematisch ist, dass personenbezogene Daten, die einmal in Systeme gelangen, oft schwer wieder zu korrigieren oder zu entfernen sind.

Ein weiteres Thema sind sogenannte Halluzinationen – also falsche oder erfundene Inhalte, die Large Language Models generieren können. Bei einem Reisevorschlag ist das vielleicht noch harmlos, wenn eine Sehenswürdigkeit empfohlen wird, die es gar nicht gibt.

In sicherheitskritischen Bereichen kann das jedoch ganz andere Konsequenzen haben. Beim autonomen Fahren könnte etwa eine Spiegelung falsch interpretiert werden, sodass das System glaubt, ein Objekt befinde sich auf der Fahrbahn. Das kann zu abrupten Bremsmanövern oder gefährlichen Situationen führen.

Deshalb ist es wichtig, die Auswirkungen solcher Fehler immer im Kontext zu betrachten. In meinen Kursen betone ich deshalb auch: Bevor man eine KI nutzt, sollte man immer zuerst den eigenen Menschenverstand einsetzen.

Wird generative KI den Menschenverstand doch irgendwann ablösen?
Ein mögliches Risiko besteht darin, dass künftig weniger Junior-Entwickler eingestellt werden. Generative KI kann bei grundlegenden Aufgaben bereits sehr gut unterstützen. Das Problem ist jedoch: Wenn wir keine Juniors mehr ausbilden, fehlen uns später die Seniors. Erfahrungswissen baut sich nur auf, wenn Menschen tatsächlich in Projekten arbeiten und lernen können. Deshalb ist für mich klar: Nicht die KI wird uns ablösen. Vielmehr müssen wir lernen, mit ihr zusammenzuarbeiten und sie sinnvoll zu nutzen.

„Ich sehe noch nicht, dass ein automatisierter Presslufthammer über die Baustelle fährt.“

Zurück zur Baubranche: Inwiefern können wir hier schon heute sinnvoll mit der KI zusammenarbeiten und sie nutzen?
KI eröffnet der Baubranche heute vielfältige Möglichkeiten. Bestehende Systeme, etwa CAD-Programme, lassen sich durch generative KI intelligenter machen und Planungsprozesse deutlich beschleunigen.

Besonders spannend sind agentenbasierte Systeme: Dabei übernehmen autonome Softwareagenten selbstständig Aufgaben, treffen Entscheidungen und koordinieren Abläufe miteinander. Ein Agent könnte zum Beispiel die Materiallogistik planen, ein anderer Fristen überwachen, ein dritter die Arbeitsschritte auf der Baustelle abstimmen – während Entwickler nur die Rahmenbedingungen festlegen. So lassen sich Routineaufgaben automatisieren, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben.

Auch im Bereich Materialien kann KI wertvolle Unterstützung leisten, etwa indem Baustoffe nachhaltiger hergestellt oder optimal kombiniert werden, um Ressourcen zu sparen. 

Ist die Baubranche in Österreich beim Thema KI eher Vorreiter oder Nachzügler?
Tendenziell gehört die Baubranche derzeit eher zu den Nachzüglern. Im Forschungsbereich sehe ich jedoch großes Potenzial – und genau hier setzt auch das Projekt KRAISBAU an. Solche Projekte können zeigen, welche Möglichkeiten generative KI künftig bietet und wie man ihren Einsatz stärker sichtbar machen kann.

Auf der Baustelle selbst bleibt der Mensch unverzichtbar. Ich sehe noch nicht, dass ein automatisierter Presslufthammer über die Baustelle fährt.

Das wäre ein spannendes Bild – wie sollte sich die Entwicklung von KI aus deiner Sicht zukünftig gestalten?
Für mich ist das zentrale Stichwort „Responsible AI“. Wenn wir KI-Produkte entwickeln, müssen wir Verantwortung übernehmen. Systeme müssen gesetzeskonform, ethisch vertretbar und technisch robust sein. Human Oversight ist zentral: Menschen müssen jederzeit eingreifen können. Auch beim autonomen Fahren gilt etwa, dass Menschen letztlich die Kontrolle über das System behalten müssen – selbst wenn Fahrzeuge künftig vollständig automatisiert fahren.

Und schließlich spielt auch die gesellschaftliche Akzeptanz eine Rolle. Selbst die beste Technologie wird sich nicht durchsetzen, wenn sie von der Gesellschaft nicht angenommen wird.

Und zum Schluss: was wünscht du dir für die Zukunft von Women in AI Austria?
Ich wünsche mir, dass der Verein weiterhin wächst – und dass dieses Wachstum gut gesteuert wird. Wichtig ist, dass wir Menschen gewinnen, die sich für unsere unterschiedlichen Kernthemen engagieren.

In unseren Arbeitsgruppen steckt sehr viel ehrenamtliche Arbeit. Deshalb ist es entscheidend, die vorhandenen Kräfte zu bündeln und Frauen im Bereich KI nachhaltig zu unterstützen und zu empowern.

Dr. DI. Mag. Isabella Hinterleitner M.Sc. studierte Kognitionswissenschaften an der Universität Wien sowie Elektrotechnik an der TU Wien. Sie unterrichtete an mehreren Fachhochschulen und gründete 2020 das Unternehmen Tech meets Legal, das juristische und technische Perspektiven in Innovationsprojekten zusammenbringt. Zudem ist sie Vorstandsmitglied von Women in AI.

Links:
Women in AI
FFG/BMIMI-Leitprojekt KRAISBAU

Titelbild: Markus Zahradnik

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